„Jemand, der“ und „jemand, die“

Heute einmal etwas Einfaches zur geschlechtergerechten Sprache:

Frage

Seit gestern Nachmittag beschäftige ich mich mit der Frage, ob das Indefinitpronomen „jemand“ in Kombination mit „er“ oder „sie“ in einen Satz gehört.

[…] Zum Beispiel: „jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist“ oder „jemand, die zu oft denkt, dass sie lustig ist“?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

wenn jemand allgemein eine unbestimmte Person bezeichnet, ist es üblich, mit männlichen Pronomen zu verweisen:

Jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist, kann ärgerlich sein.
Kennst du jemanden, der mich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Wenn Sie lieber geschlechtergerechter formulieren, können Sie dieses allgemeine jemand besser vermeiden. Mögliche „Ausweichrouten“ sind je nach Kontext und Formulierungslaune:

Menschen/Leute, die zu oft denken, dass sie lustig sind, können ärgerlich sein.
Kennst du eine Person, die mich mit ihrem Auto wegbringen könnte?
Wer aus deinem Bekanntenkreis könnte mich mit dem eigenen Wagen wegbringen?

Wenn eine männliche Person gemeint ist, formuliert man so:

Er ist jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist.
Christian ist jemand, der dich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Wenn eine weibliche Person gemeint ist, können ebenfalls männliche Verweiswörter verwendet werden:

Sie ist jemand, der zu oft denkt, dass er lustig ist.
Christine ist jemand, der dich mit seinem Auto wegbringen könnte.

Immer üblicher und meiner Meinung nach empfehlenswert ist aber die Verwendung von weiblichen Pronomen:

Sie ist jemand, die zu oft denkt, dass sie lustig ist.
Christine ist jemand, die dich mit ihrem Auto wegbringen könnte.

In dieser Weise können Sie je nach Satzzusammenhang einfach und korrekt formulieren, ohne jemand auf die Zehen zu treten.

Bitte beachten Sie, dass Canoonet bald nur noch unter www.canoonet.eu zu erreichen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Adressänderung: www.canoo.net wird www.canoonet.eu

Wie einige von Ihnen bemerkt haben, waren der Blog und andere Teile von Canoonet in den letzten zwei Tagen nicht oder schlecht erreichbar. Das liegt an einer Adressänderung, die für uns leider ziemlich unerwartet kam. Wir bitten Sie, die sehr kurzfristige Bekanntmachung und eventuelle Unannehmlichkeiten zu verzeihen.

Was ändert sich für Sie?

Die Webadresse:

www.canoo.net wird www.canoonet.eu

Feste Links, Lesezeichen usw. müssen geändert werden. Eine automatische Umleitung ist ab dem 27. Mai 2019 aus rechtlichen Gründen leider nicht möglich.

Die E-Mail-Adresse:

canoonet@canoo.com wird info@canoonet.eu

Wenn Sie diese Adresse bei Ihren Kontakten gespeichert haben, sollten Sie sie anpassen. Eine automatische Umleitung ist ab dem 27. Mai 2019 aus rechtlichen Gründen leider nicht möglich.

Die Blogadresse:

www.canoo.net/blog wird blog.canoonet.eu

Auch hier gilt, dass feste Links, Lesezeichen usw. geändert werden müssen. Eine automatische Umleitung ist ab dem 27. Mai 2019 aus rechtlichen Gründen leider nicht möglich.

Zum Schluss die gute Nachricht: Wenn Sie die neuen Adressen gefunden haben, ändert sich weiter nichts. Die Wörterbücher, die Grammatik und der Blog stehen Ihnen weiterhing kostenfrei zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Canoonet-Team

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Eine 7,5 in Worten

Nachdem vor einer Woche die Frage beantwortet wurde, wie man den 2 000 024. Besucher in Worten ausdrückt (der zweimillionenvierundzwanzigste Besucher), geht es heute noch einmal darum, wie ein bestimmter Zahlentyp in Worten geschrieben wird:

Frage

Ich habe gelesen: „Ist das eine Siebenkommafünf oder eine Acht?“ Müsste es nicht „eine sieben Komma fünf“ sein?

Antwort

Guten Tag Frau M.,

man schreibt sieben Komma fünf und acht, wenn es um die Zahlen geht (sieben Komma fünf Meter; sieben Komma fünf plus acht …). Nach § 57 (4) der amtlichen Rechtschreibregelung müssen aber substantivierte Grundzahlen als Bezeichnung von Ziffern großgeschrieben werden. Die angeführten Beispiele sind:

Er setzte alles auf die Vier. Sie fürchtete sich vor der Dreizehn. Der Zeiger nähert sich der Elf. Sie hat lauter Einsen im Zeugnis. Er würfelt eine Sechs.

Daraus ergibt sich, dass man in Ihrem Satz eine Acht großschreiben muss. Konsequenterweise ist dann auch eine 7,5 eine Substantivierung, die großgeschrieben wird. Und weil man Substantive zusammenschreibt, sollte diese Substantivierung nicht nur groß-, sondern auch in einem Wort geschrieben werden: eine Siebenkommafünf. Der Satz, den Sie anführen, ist also richtig geschrieben:

Ist das eine Siebenkommafünf oder eine Acht?

Möglich wäre auch die Schreibung mit „verdeutlichenden“ Bindestrichen (aber ob sie wirklich verdeutlichend sind?):

Ist das eine Sieben-Komma-fünf oder eine Acht?

Sie können auch die Schreibung mit Ziffern erwägen. Das ist bei komplexeren Zahlen häufig eine einfacher lesbare Variante:

Ist das eine 7,5 oder eine 8?

Ich hoffe, dass diese Antwort eine Siebenkommafünf verdient.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Der 2 000 024. Besucher in Worten

Frage

Heißt es „der zweimillionundvierundzwanzigste Besucher“, „der zweimillionenundvierzundzwanzigste Besucher“, „der zweimillionenvierundzwanzigste Besucher“ oder „der zweimillionvierundzwanzigste Besucher“?

Antwort

Guten Tag Herr P.,

Ordinalzahlen ab zwanzig werden mit st gebildet (vgl. hier):

zwanzig – zwanzigste
vierundzwanzig – vierundzwanzigste
[ein]hundertvierundzwanzig – [ein]hundertvierundzwanzigste
dreihundertvierundsiebzigtausendfünfhundervierundzwanzigdreihundertvierundsiebzigtausendfünfhundervierundzwanzigste

Ab einer Million wird ggf. zusammengeschrieben:

Million – millionste
eine Million vierundzwanzig – einemillionvierundzwanzigste*
eine Million fünfhunderttausend – einemillionfünfhunderttausendste*
zwei Millionen vierundzwanzig – zweimillionenvierundzwanzigste*

So weit ist alles schön konsequent. Die deutsche Sprache wäre aber die deutsche Sprache nicht, wenn es nicht doch ein paar Ausnahmen gäbe.

Hier fällt in der Regel ein e weg:

eine Million – einmillionste

Und hier fällt die Pluralendung en weg:

zwei Millionen – zweimillionste
fünf Millionen – fünfmillionste

Dies aber nur, wenn es um runde Millionen geht, das heißt, wenn st direkt an Million angefügt wird – also nicht z. B. hier:

eine Million [und] eins – einemillion[und]erste
eine Million fünfhunderttausend – einemillionfünfhunderttausendste*
zwei Millionen vierundzwanzig – zwei millionenvierundzwanzigste*

Kompliziert? – Allzu häufig kommen hohe Kardinalzahlen dieser Art zum Glück nicht vor. Während vielleicht noch ab und zu vom millionsten Besucher oder von der zweimillionsten Besucherin die Rede ist, sind Formen wie zweimillionenvierundzwanzigste doch eher selten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Daneben kommt auch vor:

eine Million und vierundzwanzig einemillionundvierundzwanzigste
eine Million und fünfhunderttausend – einemillionundfünfhunderttausendste
zwei Millionen und vierundzwanzig – zweimillionenundvierundzwanzigste

 

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Wissenschaftler und Wissenschafter

Anhand einer Frage einer Nutzerin aus Österreich zu einem regionalen Unterschied möchte ich Sie auf die Variantengrammatik hinweisen. Sie finden dort umfassende Angaben zu Unterschieden in der geschriebenen Standardsprache. Heute geht es nur kurz um das Variantenpaar im Titel, aber ich werde in Zukunft sicher wieder auf dieses interessante neue Online-Nachschlagwerk verweisen.

Frage

Wie schaut es mit „Wissenschafter“ bzw. „Wissenschaftler“ aus? Welche Schreibweise würden Sie empfehlen bzw. gibt es wirklich diese Unterschiede zwischen Österreich, Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

im ganzen deutschen Sprachbereich kommt Wissenschaftler/Wissenschaftlerin vor. In Österreich und in der Schweiz wird gemäß den Wörterbüchern (zum Beispiel DWDS, Duden) daneben häufig auch Wissenschafter/Wissenschafterin verwendet. Genauere Angaben hierzu finden Sie in der neuen Variantengrammatik unter dem Stichwort Wissenschafter/Wissenschaftler.

Sie können in Österreich also beide Formen verwenden, denn dort sind beide Formen gebräuchlich und akzeptiert. Innerhalb eines Textes oder einer Textreihe wählen Sie allerdings am besten immer die gleiche Variante.

Inwieweit die Angaben der verschiedenen Quellen korrekt sind, kann ich „auf die Schnelle“ nicht beurteilen. Sie können aber davon ausgehen, dass die Angaben in der Variantengrammatik gut fundiert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Onkologieteam/onkologisches Team vs Italienkennerin/italienische Kennerin

Frage

Ich habe mich kürzlich mit einem Kollegen über den Begriff „onkologisches Team“ unterhalten. Er meinte, es müsse doch „Onkologieteam/Onkologie-Team“ heißen. Ich sehe das eigentlich auch so, kann es aber nicht genau erklären, ob es zulässig ist oder nicht. „Onkologische Abteilung“ beispielsweise stört mich nicht, obwohl natürlich auch hier „Onkologieabteilung“ geschrieben werden könnte (oder gar sollte?).

Antwort

Guten Tag Herr F.,

grammatisch sind onkologisches Team und Onkologieteam korrekt. Auch bei der Bedeutung gibt es keinen wesentlichen Unterschied. Wichtig ist höchstens, was in einem bestimmten Kontext üblich ist. In einigen Krankenhäusern gibt es wahrscheinlich eine Onkologieabteilung, während in anderen von der Onkologischen Abteilung die Rede ist (oder der Abteilung Onkologie).

So gibt es auch keinen prinzipiellen Unterschied zwischen grammatischen Fragen und Grammatikfragen oder einem chemischen Labor und einem Chemielabor. Richtig ist, was gebräuchlich ist – und häufig ist dies beides.

Aber bei Weitem nicht immer: Während zum Beispiel die italienische Reise, die Goethe unternahm, eine Italienreise war, sind eine Italienkennerin und eine italienische Kennerin keineswegs dasselbe: Erstere kennt Italien gut und hat irgendeine Staatszugehörigkeit. Letztere ist eine Italienerin, die irgendein Gebiet gut kennt. Es gibt zum Beispiel nur demokratische Entscheidungen, keine *Demokratieentscheidungen; neben dem Alkoholverbot gibt es kein *alkoholisches Verbot u. v. a. m.

Wieder einmal müssen wir also ohne eine allgemeine, für alle Fälle gültige Regel auskommen. Darum nochmals: Richtig ist, was gebräuchlich und verständlich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ab und seit

Frage

Ich habe gelernt, dass die Präposition „ab“ gebraucht wird, wenn etwas in der Gegenwart oder in der Zukunft beginnt. Zum Beispiel:

Ab heute besuche ich einen Deutschkurs.
Unser Geschäft wird ab nächstem Monat wieder offen sein.

In den letzten Wochen habe ich aber Sätze gehört und gelesen, die mit dieser Präposition gebildet werden, obwohl sie sich auf einen Zeitraum beziehen, der in der Vergangenheit begonnen hat. Zum Beispiel:

Nico war ab 8.30 Uhr in der Schule.
Ab März 1996 erließ die KP, um weitere subversive Aktivitäten zu verhindern, eine Liste strenger Direktiven.

[…]

Antwort

Guten Tag Frau H.,

die Verwendung von ab und seit ist vor allem für Deutschlernende nicht immer einfach. Es gibt deshalb verschiedene Erklärungen. Eine der einfachsten sagt, dass man seit verwendet, wenn etwas in der Vergangenheit beginnt, und ab, wenn etwas in der Gegenwart oder Zukunft beginnt:

Ich besuche seit Anfang dieses Jahres einen Deutschkurs
Unser Geschäft ist seit gestern geschlossen

Ich besuche ab heute/nächster Woche einen Deutschkurs
Unser Geschäft wird ab nächstem Monat wieder offen sein

Das geht in sehr vielen Fällen gut und es ist entsprechend eine praktische, einfache Faustregel. Ihre Beispiele zeigen aber, dass die Lage nicht ganz so einfach ist, wie wir es vielleicht gerne hätten. Man kann ab nämlich auch in der Vergangenheit verwenden.

Entscheidend für die Verwendung von ab und seit ist nicht so sehr der Unterschied zwischen in der Vergangenheit beginnend und in der Gegenwart/Zukunft beginnend. Entscheidend ist, ob eine Zeitdauer zu einem bestimmten Zeitpunkt fortbesteht oder nicht. Der bestimmte Zeitpunkt ist häufig, aber nicht immer der Sprechzeitpunkt.

  • Man verwendet seit bei der Angabe einer Zeitdauer, die zu einem bestimmten Zeitpunkt noch andauert

Wir wohnen seit 2005 in A. und kennen die Stadt gut
Die Konsulin wohnte seit 1875 in A., als 1891 ein Brand ihre Villa verwüstete

  • Man verwendet ab bei der Angabe einer Zeitdauer, die zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht angefangen hat

Wir werden ab dem nächsten Monat in B. wohnen
Die Konsulin sollte ab dem darauffolgenden Sommer in B. wohnen

  • Man verwendet ab bei der Angabe einer Zeitdauer, die vor einem bestimmten Zeitpunkt endet

Wir haben ab 2005 in A. gewohnt und leben jetzt in B.
Die Konsulin wohnte ab 1885 in A. Nach dem Brand ihrer Villa in 1891 lebte sie in B.

In den beiden Sätzen, die Sie in Ihrer Frage zitieren, handelt es sich um den dritten Fall. Die angegebene Zeitdauer endet vor einem bestimmten Zeitpunkt:

Nico war ab 8.30 Uhr in der Schule (und ging zwischen 10 und 11 Uhr wieder weg)
Ab März 1996 erließ die KP … eine Liste strenger Direktiven (zu einem späteren Zeitpunkt resp. jetzt nicht mehr)

Wenn man zeitliches ab in der Vergangenheit verwendet, bedeutet dies, dass die genannten Zeitdauer vor einem bestimmten Zeitpunkt endet. Wenn die Zeitdauer andauert, verwendet man seit.

Das klingt alles relativ kompliziert. Wenn Sie es nicht mit eher fortgeschrittenen Lernenden zu tun haben, ist es vielleicht besser, zuerst die oben genannte einfache Faustregel zu versuchen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wenn Fünftklässler/-innen mit 5. geschrieben werden

Frage

Ist neben der ersten Variante eine weitere Form korrekt und aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Die Fünftklässler/-innen haben morgen keinen Unterricht.
Die 5. Klässler/-innen haben morgen keinen Unterricht.
Die 5.- Klässler/-innen haben morgen keinen Unterricht.
Die 5. – Klässler/-innen haben morgen keinen Unterricht.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

keine der drei weiteren Vorschläge kann als richtig angesehen werden. Es handelt sich um einen Zusammensetzung mit einer Zahl. Dann gilt die Regel, dass mit Bindestrich geschrieben wird, und zwar ohne Leerschritt vor oder nach dem Bindestricht (vgl. hier).

Bei großzügiger Interpretation der Regel ergibt sich die folgende Schreibung:

Die 5.-Klässler/-innen habe morgen keinen Unterricht

Wer etwas weniger großzügig ist als ich, stolpert vielleicht darüber, dass 5. in der Regel für fünfte und nicht für endungsloses fünft steht. Hinzu kommt, dass die Bindestrichschreibung in Fällen wie dem folgenden das Schreiben (und Lesen?) eher kompliziert als vereinfacht:

Die 3.- bis 5.-Klässler/-innen haben morgen keinen Unterricht

Ich würde deshalb die Schreibung mit Buchstaben vorziehen:

Die Fünftklässler/-innen habe morgen keinen Unterricht
Die Dritt- bis Fünftklässler/-innen haben morgen keinen Unterricht

Wenn Sie statt –klässler lieber –klässer oder –klassler sagen, gilt bei der Schreibung mit einer Zahl genau dasselbe:

Die 5.-Klässer/-innen habe morgen keinen Unterricht
Die 5.-Klassler/-innen habe morgen keinen Unterricht

Und wenn Ihnen nun nichts mehr richtig gefallen will, gibt es auch noch diese Möglichkeit:

Die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse haben morgen keinen Unterricht

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp (der schon sehr, sehr lange kein 5.-Klässler/Fünftklässler mehr ist)

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0,5 Prozent ist oder 0,5 Prozent sind?

Frage

Wenn 0,5 Prozent das Subjekt eines Satzes ist, steht dann die Personalform im Singular oder im Plural?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

Beispiele helfen mir immer, eine Frage genauer zu verstehen. Auch hier lautet die Antwort nämlich nicht einfach Singular oder Plural.

Wenn eine Prozentangabe mit einer Zahl, die nicht 1 ist, Subjekt des Satzes ist, steht das Verb standardsprachlich in der Regel im Plural:

1 Prozent (der Bevölkerung) hat zugestimmt

10 Prozent haben zugestimmt
30 Prozent der Befragten lehnen den Neubau ab
24,5 Prozent der Flüge sind interkontinental

Das gilt auch für Dezimalzahlen, die kleiner als 1 sind:

0,5 Prozent enthielten sich der Stimme
0,7 Prozent der Delegierten enthielten sich der Stimme
Nur 0,3 Prozent waren dafür

Wie immer gibt es aber auch Ausnahmen: In einem Gleichsetzungssatz (vgl. hier) kann auch der Singular stehen:

0,5 Prozent ist/sind kein gutes Resultat
63 Prozent ist/sind eine überraschend große Mehrheit

Und auch dann, wenn ein Substantiv im Nominativ auf Prozent folgt, kann das Verb im Singular und im Plural stehen:

0,5 Prozent einmaliger Verlust bedeutet/bedeuten nicht gleich den Untergang der Firma.
15 Prozent Strom wird/werden dadurch gespart.

Ob Singular oder Plural, Ihnen steht/stehen hoffentlich 100% Wochenende bevor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Wer gewinnt, der Genitivus subiectivus oder der Genitivus obiectivus?

Frage

Ich bin Deutschlehrerin in Spanien […]. Letzthin tauchten in meiner Klasse folgende Sätze auf:

Die Medizin bekämpft mit Erfolg die Infektionskrankheiten
→ die erfolgreiche Bekämpfung der Medizin gegen die Infektionskrankheiten

Die Medizin bekämpft mit Erfolg Infektionskrankheiten
→ die erfolgreiche Bekämpfung der Medizin gegen Infektionskrankheiten

Die Umformungen sind so nicht richtig, aber wie erkläre ich, warum?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

bei der Substantivierung von Verbgruppen gibt es keine allgemeingültigen Regeln, die sich auf alle Verben anwenden ließen. Einige Regelmäßigkeiten gibt es aber dennoch. Eine davon betrifft die Substantivierung von Verben mit einem Akkusativobjekt:

Bei einer Substantivierung wird das Akkusativobjekt zum Genitivattribut (oder von-Attribut, siehe hier):

ein Rätsel lösen → das Lösen eines Rätsels
die Funktion erklären → die Erklärung der Funktion
Fahrräder verkaufen → der Verkauf von Fahrrädern

In gleicher Weise auch:

die Infektionskrankheiten bekämpfen → die Bekämpfung der Infektionskrankheiten
Infektionskrankheiten bekämpfen → die Bekämpfung von Infektionskrankheiten

Und nun kommen wir zur Hürde, die Ihre Schüler und Schülerinnen nicht richtig zu nehmen wussten. Neben dem soeben erwähnten Genitivus obiectivus, der dem Akkusativobjekt in der Verbkonstruktion entspricht, gibt es auch den Genitivus subiectivus. Er entspricht dem Subjekt des Verbs, das substantiviert wird:

Die Rose verwelkt → das Verwelken der Rose
Der Mensch denkt → das Denken des Menschen
Die Lehrerin erklärt → die Erklärung der Lehrerin

Der Zug kommt pünktlich in Münster an → die pünktliche Ankunft des Zuges in Münster
Die Medizin kämpft gegen Infektionskrankheiten → der Kampf der Medizin gegen Infektionskrankheiten

Bei diesen Beispielen ist das kein Problem. Die Schwierigkeit entsteht dann, wenn ein Verb mit einem Akkusativobjekt substantiviert wird. Welcher Satzteil wird dann zum Genitivattribut: das Subjekt, das Objekt oder beide?

In Ihrer Klasse wurde das Subjekt zum Genitivattribut gemacht. Die Lösung mit zwei Genitivattributen wurde zu Recht ausgeschlossen. Das Akkusativobjekt, das auch noch irgendwie eingebunden werden musste, wurde wahrscheinlich unter Einfluss des Verbs kämpfen mit gegen angeschlossen:

Die Medizin bekämpft mit Erfolg die Infektionskrankheiten.
→ *Die erfolgreiche Bekämpfung der Medizin gegen die Infektionskrankheiten

Der Fehler hierbei ist, dass in einem solchen Fall nicht das Subjekt, sondern immer das Akkusativobjekt die Rolle als Genitivobjekts übernimmt. Das Subjekt wird dann häufig mit durch angeschlossen:

Die Lehrerin erklärt die Funktion → die Erklärung der Funktion durch die Lehrerin
Der Händler verkauft neue Fahrräder → der Verkauf neuer Fahrräder durch den Händler

Ebenso:

Die Medizin bekämpft mit Erfolg die Infektionskrankheiten
→ Die erfolgreiche Bekämpfung der Infektionskrankheiten durch die Medizin

Die Medizin bekämpft mit Erfolg Infektionskrankheiten
→ Die erfolgreiche Bekämpfung von Infektionskrankheiten durch die Medizin

Das Akkusativobjekt gewinnt also immer das Rennen um die Rolle als Genitivattribut, wenn eine Verbgruppe substantiviert wird. Das Subjekt muss dann, wenn überhaupt, anders eingebunden werden. In diesem Sinne: Gewinner ist der Genitivus obiectivus.

So weit die Analyse des Fehlers durch den Blogautor.

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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