Wenn es um „es“ geht, wird es manchmal kompliziert

Warnhinweis: Es folgt eine etwas haarspalterische Betrachtung zum Thema es, die vor allem Fans von grammatisch Kniffligerem interessieren könnte.

Frage

Ich habe eine Frage zur Funktion von „es“ als Korrelat. Zum Beispiel:

Er bereut es, sie besucht zu haben

Hier ist „es“ Korrelat zum Objektsatz. Dieses „es“ kann aber nicht im Vorfeld [an erster Stelle vor dem konjugierten Verb] auftreten, also nicht:

*Es bereut er, sie besucht zu haben

Ein anderes Beispiel:

Viele finden es gut, den Smalltalk witzig zu beginnen

Mit es im Vorfeld:

Es finden viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen

Wenn „es“ als Korrelat zum Objektsatz nicht vorfeldfähig ist, warum hört sich der zweite Satz doch richtig an? Haben Sie vielleicht eine Erklärung dafür?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

wenn es um es geht, kann es im Deutschen ziemlich kompliziert werden. Es geht hier nämlich um zwei verschiedene es:

1) es als Korrelat zum Objektsatz (siehe hier)
Dieses es vertritt sozusagen den Nebensatz im übergeordneten Satz. Manchmal kann es weggelassen werden (erster Beispielsatz), manchmal aber eher nicht (zweiter Beispielsatz):

Er bereut [es], sie besucht zu haben.
Viele finden es gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.

Dieses es kann im Satz nicht an erster Stelle stehen:

nicht: *Es bereut er, sie besucht zu haben.
nicht: *Es finden viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.

2) Platzhalter-es im Vorfeld (siehe hier):
Das Pronomen es kann an erster Stelle im Satz stehen, wenn kein anderes Satzglied diese Stellung im Vorfeld einnimmt:

Jemand wartet auf dich.
Es wartet jemand auf dich.

Ein Schrank steht im Gang.
Es steht ein Schrank im Gang.

Dieses Platzhalter-es kann im Prinzip immer stehen, es ist nur je nach Verb unterschiedlich üblich. In Ihrem zweiten Satz ist es relativ gut möglich:

Viele finden es gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.
Es finden es viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.

Beim Ihrem ersten Satz muss man sich etwas Mühe geben, um einen Kontext zu konstruieren, in dem ein Platzhalter-es vertretbar ist. Und auch dann klingt die Formulierung sehr gestelzt und ist wirklich kein stilistisches Meisterwerk:

Er kommt unverrichteter Dinge zurück.
Er bereut nun, sie besucht zu haben.

Es kommt er unverrichteter Dinge zurück.
Es bereut er nun, sie besucht zu haben.

Der Satz, der oben unter 1) als nicht möglich bezeichnet wird, ist also zumindest theoretisch doch möglich. Das es ist dann aber kein Korrelat zum Objektsatz, sondern ein Platzhalter-es:

Er bereut es, sie besucht zu haben.
Es bereut er es, sie besucht zu haben.

Er bereut, sie besucht zu haben.
Es bereut er, sie besucht zu haben.

Wie wir bereits gesehen haben, ist auch Ihr zweiter Beispielsatz möglich, aber meiner Meinung nach besser mit zwei es:

Viele finden es gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.
Es finden es viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen.

Viele finden gut, den Smalltalk witzig zu beginnen [?]
Es finden viele gut, den Smalltalk witzig zu beginnen [?]

Das Pronomen es kann so viele verschiedene Funktionen haben, dass wir ihm in unserer Grammatik eine eigene Seite gewidmet haben. Wie eingangs schon gesagt; Wenn es um es geht, kann es im Deutschen ziemlich kompliziert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Viel Wohnen und wenig Essen: Unterkunft und Logis

Den meisten ist die Wendung Kost und Logis wahrscheinlich bekannt, trotzdem liest man immer wieder auch Unterkunft und Logis. Das hat im DaF-Unterricht (DaF = Deutsch als Fremdsprache) von Frau K. zu Fragen geführt.

Frage

Im Lehrbuch […] steht folgender Satz: „… sie bekam Unterkunft und Logis und ein monatliches Taschengeld.“

Gestern habe ich mit meinen Schülern diesen Satz in einem Artikel über Au-pair-Mädchen im Ausland gelesen und da hat jemand gefragt, was der Unterschied zwischen Unterkunft und Logis ist. Ich war ganz perplex und konnte im Moment nichts Vernünftiges antworten. […] In allen Wörterbüchern steht, dass Logis ein Synonym für Unterkunft ist. […] Dass es sich in einem Lehrbuch um einen Fehler handelt, kommt eigentlich nicht in Frage. Also zerbreche ich mir den Kopf und hoffe sehr, dass Sie mich retten.

Antwort

Guten Tag Frau K.,

auch Lehrbücher sind nicht unfehlbar. Die Lösung des „Rätsels“ ist nämlich, dass im Lehrbuch, das Sie zitieren, ein sonderbarer Satz steht. Sie haben richtig recherchiert: Logis und Unterkunft sind hier dasselbe.

Das Wort Logis kommt aus dem Französischen, wo es eine alte Ableitung von loge ist, das wiederum mit unserem Wort Laube verwandt ist. Das erklärt vielleicht auch, warum eine Loge meist nur klein und das Logis häufig nicht besonders fürstlich ist. Logis wird im Deutschen mit der Bedeutung Unterkunft verwendet.

Eine feste Wendung ist Kost und Logis, womit Verpflegung und Unterkunft gemeint ist. Es geht dann meist darum, ob Angestellte, Untermieterinnen, Reiseteilnehmer, Au-pairs, auswärts wohnende Neffen usw. selbst für Verpflegung und Unterkunft aufkommen müssen oder nicht.

Sie hatte freie Kost und Logis
Er war bei seinem Onkel in Kost und Logis

Im Lehrbuch müsste also eigentlich stehen:

… sie bekam Kost und Logis und ein monatliches Taschengeld

oder:

… sie bekam Unterkunft und Verpflegung und ein monatliches Taschengeld

Natürlich sind auch die Kombinationen Kost und Unterkunft oder Verpflegung und Logis möglich, aber bei der Verbindung Unterkunft und Logis wird eigentlich nur ausgiebig gewohnt und wenig gegessen. Wenn man ihr begegnet, kann man deshalb davon ausgehen, dass es sich um eine falsche Zusammenziehung handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Oheim, Muhme, Vetter und Base

Letzthin bin ich wieder einmal dem alten Wort Oheim begegnet. Ich wusste, dass es ein altes Wort für Onkel ist. Ich vermutete weiter, dass es durch das aus dem Französischen übernommene Onkel verdrängt worden ist. Das stimmt zwar alles, aber es gibt noch mehr Interessantes für Wortliebhaber. Wie wurden zum Beispiel Tanten genannt, bevor sie wie die Onkel eine französische Bezeichnung erhielten?

Der Oheim war ursprünglich nicht einfach jede Art von Onkel, sondern der Mutterbruder, also der Bruder der Mutter. Die weibliche Entsprechung, die Mutterschwester, war die Muhme. Väterlicherseits wurde die Vatersschwester Base und der Vatersbruder Vetter genannt.

Oheim = Mutterbruder
Muhme = Mutterschwester
Vetter = Vatersbruder
Base = Vatersschwester

Sie wundern sich vielleicht, weil Vettern und Basen im heutige Sprachgebrauch nicht mehr Vatersbrüder und Vatersschwestern sind, sondern u. a. deren Kinder. So einfach, wie ich es hier darstelle, war die Lage sowieso nicht. Je nach Zeit und Region konnten Oheim und Vetter fast jeden männlichen Verwandten und Muhme und Base fast jede weibliche Verwandte bezeichnen.

Um 1700 kamen dann die französischen Bezeichnungen Oncle, später Onkel, und Tante auf, und zwar für Brüder und Schwestern sowohl des Vaters als auch der Mutter – ja sogar deren Gattinnen und Gatten werden nun (angeheiratete) Onkel und Tanten genannt. Die in dieser Weise „frei“ gewordenen Bezeichnungen Oheim und Muhme wurden zu veralteten, scherzhaften Bezeichnungen. Vetter und Base erhielten neu oder verstärkt eine andere Rolle: Sohn bzw. Tochter von Onkel oder Tante. Aber auch Vetter und noch stärker Base sind später fast ganz französischer Konkurrenz erlegen: Cousin und Cousine.

Während wir früher Oheime, Muhmen, Vettern und Basen hatten, die je nach Zeit und Ort auch noch ganz unterschiedlich mit uns verwandt sein konnten, hat der Wortimport aus dem Französischen mit Onkel, Tante, Cousin und Cousine klarere Verhältnisse geschaffen.

Obwohl – ganz so klar ist es nun auch wieder nicht. Wenn man es sich genau überlegt, kann Tante vier verschiedene Verwandtschaftsverhältnisse bezeichnen: Schwester der Mutter, Schwester des Vaters, Schwägerin der Mutter oder Schwägerin des Vaters. Auch bei der Cousine ist nicht klar, ob sie nun die Tochter des Vatersbruders, der Vatersschwester, des Mutterbruders oder der Mutterschwester ist. Ganz so eindeutig sind die Bezeichnungen also nicht, aber es ist wahrscheinlich gut so. Wer will sich schon bei der Angabe seiner Verwandten immer mit Bezeichnungen wie Vatersbruder, Mann der Mutterschwester, Mutterschwestertochter oder Vatersbrudersohn herumschlagen? Verwandtschaftsverhältnisse können auch ohne solche komplizierten Bezeichnungen kompliziert genug sein.

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»Scheinbar« wird anscheinend/scheinbar häufig falsch verwendet

Da vielerorts noch Sommerflaute herrscht, kommt hier eine alte Bekannte zum Zug, die immer wieder zu Fragen und Klagen Anlass gibt: die Unterscheidung zwischen den Adverbien anscheinend und scheinbar.

Frage

[…] Ich nutze häufig den Begriff „scheinbar“. Einer meine Kollegen korrigieren mich, dass „anscheinend“ richtig wäre. Ich verstehe seine Begründung dazu nicht und auch die Angaben im Wörterbuch nicht.

Antwort

Guten Tag Frau E.,

in der Standardsprache sollte – zumindest gemäß den strengeren Grammatiken – ein Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend gemacht werden.

Man verwendet scheinbar, um anzugeben, dass etwas so aussieht, aber nicht wirklich ist:

Er ist scheinbar zufrieden
= Er sieht zufrieden aus, aber er ist es in Wirklichkeit nicht. Es scheint nur so.

Man verwendet anscheinend, um eine starke Vermutung auszudrücken:

Er ist anscheinend zufrieden
= Ich vermute stark, dass er zufrieden ist. So wie es aussieht, ist er zufrieden.

Ein weiteres Beispiel:

Sie sind (nur) scheinbar angekommen
= Es scheint, dass sie angekommen sind, das ist aber nicht so.

Sie sind anscheinend angekommen
= Ich vermute stark, dass sie angekommen sind. So wie es aussieht, sind sie angekommen.

Wenn man Ihnen die falsche Verwendung von scheinbar vorwirft, ist höchstwahrscheinlich gemeint, dass Sie scheinbar nicht wie anscheinend im Sinne von vermutlich/offenbar verwenden sollten.

Soweit die „offizielle“ Regel, nun zur Sprachrealität: Viele verwenden das Wort scheinbar wie Sie auch im Sinne von anscheinend. Der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Wörtern wurde erst durch die Grammatiker des 18. Jahrhunderts eingeführt und hat offensichtlich im Deutschen nie so richtig Fuß fassen können. Auch ich mache diesen „Fehler“ hin und wieder. Im Schriftlichen unterläuft er mir wahrscheinlich eher selten, denn dort passe ich vor allem in formelleren Kontexten besser auf, aber im spontanen mündlichen Sprachgebrauch rutscht mir regelmäßig scheinbar heraus, wenn ich nach der „Regel“ eigentlich anscheinend sagen müsste.

Das gelegentlich angeführte Argument, dass es durch die „falsche“ Verwendung von scheinbar zu zweideutigen Formulierungen komme, finde ich nicht allzu stichhaltig. In allen Bereichen der Sprache gibt es eine große Palette von Zwei- und Mehrdeutigkeiten, ohne dass dies zu allzu großen Verständigungsproblemen führt. In den meisten Fällen geben Situation und Satzzusammenhang an, was gemeint ist. So auch im Fall von scheinbar. Wenn jemand sagt:

Er ist scheinbar zufrieden, denn er hat sich nicht beschwert.
Er ist scheinbar zufrieden, aber frag doch noch einmal nach.

ist klar, was scheinbar ausdrückt: eine starke Vermutung.

Sagt jemand:

Er ist [nur] scheinbar zufrieden. Er wagt es einfach nicht, sich zu beschweren.
Er ist scheinbar zufrieden, aber innerlich kocht er vor Wut.

ist eindeutig gemeint, dass die Zufriedenheit nicht der Wirklichkeit entspricht.

Natürlich kann man Beispiele anführen, die wirklich zweideutig sind. Im Allgemeinen gilt aber, dass erst die Einführung und strenge Handhabung der Unterscheidung zwischen anscheinend und scheinbar zu Interpretationsschwierigkeiten führt.

Aus diesen Gründen bin ich der Meinung, dass man es nicht als falsch bezeichnen sollte, wenn scheinbar gleich wie anscheinend verwendet wird. Selbst die Angabe „umgangssprachlich“, die Duden, DWDS und andere aus begreiflichen Gründen hierfür benutzen, finde ich nicht gerechtfertigt.

Diese Meinung teilen aber nicht alle. Ich würde deshalb aus pragmatischen Gründen Deutsch Unterrichtenden empfehlen, diese Unterscheidung weiterhin zu erklären, und Schülern und Schülerinnen rate ich an, in Aufsätzen und Arbeiten das Wort scheinbar nicht zu verwenden, wenn eine starke Vermutung ausgedrückt werden soll. Damit vermeiden sie Diskussionen und (ungerechtfertigte) Notenabzüge. Alle anderen können je nach Sprachempfinden entweder scheinbar und anscheinend streng auseinanderhalten oder diesem (scheinbaren) Unterschied keine große Beachtung schenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Den richtigen oder den Richtigen finden?

Der Titel könnte missverstanden werden: Es geht leider/zum Glück nicht um Tipps für die erfolgreiche Partnersuche, sondern nur um die Antwort auf eine Frage zur Groß- und Kleinschreibung.

Frage

Ich würde gerne wissen, ob im folgenden Text die Kleinschreibung der allein stehenden Adjektive richtig ist. Ich bin mir nicht ganz sicher beim letzten „der richtige“. Eigentlich bezieht es sich doch immer noch auf „Partner“, vom Gefühl aus würde ich aber doch „der Richtige“ schreiben. Liege ich da falsch?

Nach dieser Enttäuschung habe ich einen neuen Partner gesucht. Zweimal dachte ich, einen passenden gefunden zu haben. Der erste war aus Rom und der zweite aus Florenz. Aber weder der eine noch der andere war der richtige.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

es gibt bei der Groß- und Kleinschreibung von allein stehenden Adjektiven manchmal mehr als nur eine richtige Lösung. Das ist auch hier der Fall.

Richtig ist die Kleinschreibung bei den ersten Adjektiven, weil sie sich auf das vorhergehende Substantiv Partner beziehen (vgl. hier):

Nach meiner Trennung habe ich nach einem neuem Partner gesucht. Zweimal dachte ich, einen passenden gefunden zu haben. Der erste war aus Rom und der zweite aus Florenz.

Das letzte richtige kann kleingeschrieben werden:

Aber weder der eine noch der andere war der richtige.

Damit wird einfach ausgedrückt, dass keiner der beiden der richtige Partner war.

Sie können aber auch großschreiben:

Aber weder der eine noch der andere war der Richtige.

Das ist viel eindringlicher, denn damit ist nicht einfach der richtige Partner gemeint, sondern eben der eine Richtige, den man zu finden hofft (der Richtige = der richtige Mann/Geliebte/Lebenspartner).

Ob schlicht klein der richtige oder leidenschaftlich groß der Richtige, beides ist hier vertretbar. Sie können also Ihrem Gefühl folgen und großschreiben.

Das Gleiche gilt natürlich auch dann, wenn von einer Partnerin die Rede ist und die richtige oder eben die Richtige gefunden werden soll.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Institut für angewendete Kommunikationsforschung?

Frage

[…] Ich würde ich gerne wissen, warum das Partizip II von „anwenden“ bei fachsprachlichen Wendungen wie „angewandte Psychologie“ immer „angewandt“ lautet. Hätte das „Bochumer Institut für angewandte Kommunikationsforschung“ nicht auch „Bochumer Institut für angewendete Kommunikationsforschung“ heißen können? Abgesehen davon, dass das ziemlich blöd klingen würde, wäre es doch nicht falsch, oder?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

nach den Angaben in Wörterbüchern und Grammatiken sind bei anwenden im Präteritum und im Perfekt sowohl die abgelauteten Formen (wandte an, angewandt) als auch die regelmäßig gebildeten Formen (wendete an, angewendet) korrekt. So spricht man zum Beispiel von der angewandten/angewendeten Methode, angewandten/angewendeten Arzneimitteln oder der für einen bestimmten Zweck angewandten/angewendeten Technik. Häufiger sind die abgelauteten Formen, insbesondere in formelleren Kontexten.

Es wäre also theoretisch nicht falsch, bestimmte Fachbereiche angewendete Psychologie, angewendete Linguistik oder angewendete Kommunikationsforschung statt angewandte Psychologie, angewandte Linguistik oder angewandte Kommunikationsforschung zu nennen. Das ist aber, wie Sie in Ihrer Frage bereits erwähnen, bei Bezeichnungen dieser Art keineswegs gebräuchlich.

Ist nun das regelmäßige Partizip angewendete hier richtig oder falsch? Im Zweifelsfall gilt: Richtig ist, was üblich ist. Man kann deshalb sagen, dass angewendete Kommunikationsforschung zwar nach den Angaben der Wörterbücher theoretisch möglich, in der Sprachpraxis aber doch nicht richtig ist, ganz einfach, weil es nicht so verwendet (oder verwandt) wird. Richtig ist nur angewandte Kommunikationsforschung (als nachsichtige Korrektorin oder wohlwollender Lehrer geben Sie dennoch höchstens einen halben Punkt Abzug).

Hier zeigt sich wieder einmal, dass man der Sprachrealität mit Regeln und Flexionstabellen nicht immer gerecht werden kann, denn „letztinstanzlich“ gilt diese bereits erwähnte Regel der „angewandten Grammatik“: Richtig ist, was üblich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ein einzelnes Wort zwischen zwei Kommas

Warnhinweis: Wer Kommafragen nicht mag, klickt besser weiter …

Frage

Soweit ich weiß, wird das „ist“ nicht mit zwei Kommas eingeschlossen. Das ist zwar möglich, aber kein so gutes Deutsch. Beispiel:

Was ich sagen möchte, ist, wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich diese auch essen.
Besser: Was ich sagen möchte ist, wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich diese auch essen.

Wie sieht es mit anderen Wörtern aus, die wegen eines eingeschlossenen Satzes plötzlich allein stehen?

Früher traute sich Anne, sogar zu Hause auf dem Sofa, nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Könnte ich hier auch so schreiben:

Früher traute sich Anne, sogar zu Hause auf dem Sofa nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Früher traute sich Anne, sogar zu Hause auf dem Sofa, nicht über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Kann man bei allen alleinstehenden Wörtern das vorherstehende Komma weglassen? Gibt es dafür entsprechende Regeln?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

es stimmt, dass es oft nicht sehr schön ist, wenn ein einzelnes Wort zwischen zwei Kommas steht. Die Lösung ist aber nicht, eines der beiden Kommas wegzulassen, wenn beide Kommas obligatorisch sind. Es gibt keine Regel, die es erlaubt, in solchen Fällen ein Komma fallen zu lassen (vgl. hier).  In den folgenden Sätzen kann deshalb keines der Kommas weggelassen werden:

Was ich sagen möchte, ist, wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich diese auch essen.
Was ich sagen möchte, ist, dass ich, wenn ich Lust auf Pizza habe, diese auch essen möchte.

Im ersten Satz könnte die Kommaflut eventuell wie folgt vermieden werden:

Was ich sagen möchte, ist: Wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich diese auch essen.
Ich möchte damit sagen: Wenn ich Lust auf Pizza habe, möchte ich sie auch essen.

Bei Ihrem zweiten Beispielsatz wird es etwas komplizierter. Die Infinitivgruppe, die mit über beginnt, kann mit einem Komma abgetrennt werden. Das Komma ist nicht obligatorisch, aber zu empfehlen, damit klar ist, ob nicht den übergeordneten Satz (traute sich nicht) oder die Infinitivgruppe (nicht zu schimpfen) verneint:

Früher traute sich Anne nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.
vgl.: Früher traute sich Anne, nicht über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Es ist also besser, vor über ein Komma zu setzen. Weiter kann die Wortgruppe sogar zu Hause auf dem Sofa als Einschub vorn und hinten durch Kommas abgetrennt werden. Diese Kommas sind nicht obligatorisch. Daraus ergeben sich diese Möglichkeiten:

Früher traute sich Anne sogar zu Hause auf dem Sofa nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.
Früher traute sich Anne, sogar zu Hause auf dem Sofa, nicht, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Weniger kommalastig und stilistisch besser formulieren Sie allerdings mit nicht einmal statt sogar … nicht:

Früher traute sich Anne nicht einmal zu Hause auf dem Sofa über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.
Früher traute sich Anne nicht einmal zu Hause auf dem Sofa, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.
Früher traute sich Anne, nicht einmal zu Hause auf dem Sofa, über ihre Schwiegermutter zu schimpfen.

Wenn ein einzelnes Wort zwischen zwei Kommas steht, die beide obligatorisch sind, kann die Häufung der Kommas – wenn gewünscht – nur durch eine Umformulierung vermieden werden. Was ich mit so vielen Worten sagen möchte, ist, dass Ihre Lösung für solche Fälle leider nicht den Regeln der deutschen Kommasetzung entspricht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Heiß!

Selbst dieses Schattenplätzchen ist zu heiß zum Arbeiten (37 °C!):

Ich verlasse den Arbeitsplatz und gönne mir ein Eis.

Das Ausbleiben von Blogeinträgen bitte ich zu entschuldigen. Ich hoffe, dass es bis gegen Ende der Woche genügend abkühlt, dass ich Sie wieder mit neuen Artikeln belästigen/erfreuen kann.

Mit hochsommerlichen Grüßen

Dr. Bopp (strandfern und klimaanlagenlos)

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Wird vor sich hingesummt oder vor sich hin gesummt?

Frage

Ich habe bei meiner Recherche zum folgenden Thema keine Antwort […] gefunden: das leidige „vor sich hin+Verb“.

Sie hat vor sich hin gesummt vs. Sie hat vor sich hingesummt

oder

während sie vor sich hinlächelt vs. während sie vor sich hin lächelt

Sowohl die Zusammen- als auch die Getrenntschreibung sind mir schon untergekommen. […] Was ist in solch einem Fall die korrekte Variante?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

wenn die Verbindung vor sich hin die Bedeutung ganz für sich [und wiederholt] hat, ist es üblich, hin vom Verb getrennt zu schreiben:

vor sich hin reden
vor sich hin jammern
weil ich manchmal einfach vor mich hin pfeife
Sie hat nur noch vor sich hin gejammert.
Hör auf, vor dich hin zu starren!

Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Sie hat vor sich ihn gesummt
während sie vor sich hin lächelt

Wenn vor sich hin diese Bedeutung hat, ist es eine eigenständige adverbiale Wendung (Frage: wie?), die üblicherweise nicht mit dem Verb zusammengeschrieben wird.

Man schreibt aber dann zusammen, wenn vor sich hin eine räumliche Bedeutung hat (wohin?):

etwas vor sich hinlegen
Ich habe den Koffer vor mich hingestellt
Wage es nicht, es einfach vor dich hinzuschmeißen!

Ich hoffe, dass Sie nicht allzu lange vor sich hin sinniert haben (für dieses etwas forcierte Wortspiel bitte ich um Verzeihung) und dass Sie nun besser verstehen, wie mit vor sich hin und einem Verb umzugehen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Informati-onen oder Informatio-nen?

Frage

Ich bin etwas verunsichert bezüglich der Silbentrennung des Worts „Informationen“. Die Singularform „Information“ ist mir klar: „In-for-ma-ti-on“. Wie steht es um die Pluralform? Ist „In-for-ma-ti-on-en“ korrekt oder „In-for-ma-tio-nen“?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

bei Mehrzahlformen auf -ionen kann sowohl nach dem i als auch nach dem o getrennt werden (vgl. amtl. Rechtschreibregelung, § 107):

a) Informati-onen
b) Informatio-nen

Wenn Sie alle möglichen Trennstellen angeben möchten, sieht das also so aus:

c) In-for-ma-ti-o-nen

Das gilt auch bei anderen Wörtern, bei denen ein paar Vokale innerhalb eines Wortes aufeinandertreffen. Man trennt dann (ungefähr) so, wie man die Wörter bei langsamem Vorlesen in Silben zerlegen kann**. Hier noch weitere Beispiele:

a) sozi-ale
b) sozia-le
c) so-zi-a-le

a) europä-ische
b) europäi-sche
c) eu-ro-pä-i-sche

a) na-iver
b) nai-ver
c) na-i-ver

a) Ma-ori
b) Mao-ri
c) Ma-o-ri

a) Mete-ore
b) Meteo-re
c) Me-te-o-re

a) Individu-alität
b) Individua-lität
c) In-di-vi-du-a-li-tät

a) Bedui-ne
b) Bedu-ine
c) Be-du-i-ne

Bis hier sind alle Beispiele Fremdwörter, doch auch bei einigen einheimischen Wörtern kommt diese Trennstellenvielfalt vor. Zum Beispiel:

a) Bäue-rin
b) Bäu-erin
c) Bäu-e-rin

a) treu-ere
b) treue-re
c) treu-e-re

a) frei-ere
b) freie-re
c) frei-e-re

Eigentlich ist es gar nicht so kompliziert. Ins Zögern gerät man wohl deshalb, weil einige Trennstellen (zum Beispiel sozia-le, europäi-sche, nai-ver) recht gewöhnungsbedürftig aussehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** In Wörtern wie Informationen und soziale sind tio resp. zia bei normaler Sprechgeschwindigkeit zwar einsilbig, die genannte Trennregel gilt aber trotzdem (vgl. amtl. Rechtschreibregelung, § 107).

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