Die indirekte Rede und der Konjunktiv

Frage

Ich habe eine Frage zur indirekten Rede: Wenn ich die Ausführungen im aktuellen Duden richtig verstehe, muss man in den Fällen, bei denen der eigentlich zu verwendende Konjunktiv Präsens mit dem Indikativ Präsens identisch ist, den Konjunktiv Präteritum verwenden. Stimmt das? Dieses ständige hätten stört mein Sprachgefühl, aber vielleicht liege ich da ja falsch und meine Kollegen, die das haben stört, richtig.

Beispiel:
Er sagte: „Wir haben uns getroffen.“
Er sagte, sie haben sich getroffen. ODER Er sagte, sie hätten sich getroffen.

Antwort

Sehr geehrte Frau F.,

die indirekte Rede wird mit Hilfe von zwei Mitteln ausgedrückt:

  • Konjunktiv
  • Nebensatz

In der indirekten Rede verwendet man im Prinzip den Konjunktiv I (Konjunktiv Präsens). Der Satz Er sagt: Ich habe sie getroffen“ wird dann in der indirekten Rede zu:

Er sagte, er habe sie getroffen.
Er sagte, dass er sie getroffen habe.

Der Konjunktiv gibt an, dass es sich nicht um die eigenen, sondern um die Worte von jemand anders handelt. Wenn nach Verben wie sagen, behaupten, erklären, erzählen, fragen usw. ein mit dass, ob oder einem Fragewort eingeleiteter Nebensatz folgt, kann das darin Ausgedrückte eigentlich nichts anderes als indirekte Rede sein. Deshalb ist der Konjunktiv nicht mehr unbedingt notwendig und wird in einem solchen Nebensatz auch der Indikativ verwendet:

Er sagte, dass er sie getroffen hat.

Einige strengere Grammatiker, bezeichnen die die Verwendung des Indikativs auch im Nebensatz als falsch oder umgangssprachlich. Diese Meinung teile ich nicht. In einem nicht eingeleiteten Nebensatz ist allerdings von der Verwendung des Indikativs abzuraten. Also nicht: Er sagte, er hat sie getroffen, denn das stimmt mit der direkten Rede überein: Er sagte: „Er hat sie getroffen.“

Wenn der Konjunktiv I mit dem Indikativ Präsens zusammenfällt, ist die Kennzeichnung der indirekten Rede durch den Konjunktiv nicht mehr möglich:

Nicht: Er sagte, sie haben einander getroffen

Sie müssen dann wie vom Duden angegeben auf den Konjunktiv II (oder in bestimmten Fällen auf die würde-Form) ausweichen.

Er sagte, sie hätten einander getroffen.
Er sagte, dass sie einander getroffen hätten.

Im Nebensatz ist dieses hätten allerdings nicht unbedingt notwendig, denn dort ist ja – wie oben erwähnt – auch der Indikativ möglich:

Er sagte, dass sie einander getroffen haben.

Ein weiteres Beispiel:

nicht: Sie sagten, sie verlieren die Geduld.
sondern: Sie sagten, sie verlören die Geduld
dafür gebräuchlicher: Sie sagten, sie würden die Geduld verlieren.

Oder mit einem Nebensatz:

Sie sagten, dass sie die Geduld verlören/verlieren würden.
Sie sagten, dass sie die Geduld verlieren.

Wenn Sie Ihrem Sprachgefühl folgend in solchen Fällen lieber nicht den Konjunktiv II (Konjunktiv Präteritum) oder die würde-Form verwenden, können Sie also immer erwägen, die indirekte Rede in einem Nebensatz auszudrücken.

Mehr Angaben finden Sie hier:
Indirekte Rede

insbesondere:
Indirekte Rede und Konjunktiv
Stilistische Kriterien

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

2 Kommentare

  1. Marcel schreibt:

    Mai 20, 2008 um 15:42

    Hallo Dr. Bopp,

    Für mich, als sprachlich Unbedarften stellt sich nun nur noch die Frage, was denn die indirekte Rede von Er sagte: „Er hat sie getroffen.“ ist. Und ob am Ende des vorhergehenden Satzes auch „sei“ stehen könnte oder gar müsste ?

    Mit freundlichem Gruss
    Marcel

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Mai 20, 2008 um 16:36

    Hallo Marcel,

    schön, dass „man“ auch in Basel gelesen wird!

    In der indirekten Rede heißt das dann auch: Er sagte, er habe sie getroffen. Ganz ohne Kontext können die Sätze

    Er sagte, er habe sie getroffen.
    Er sagte, dass er sie getroffen habe.
    Er sagte, dass er sie getroffen hat.

    auf zwei Arten interpretiert werden:

    Er sagte: „Ich habe sie getroffen.“
    Er sagte: „Er hat sie getroffen.“

    Der Konjunktiv resp. der Nebensatz gibt nur an, dass es sich um eine indirekte Rede handelt. Er kann nicht die in der indirekten Rede durch das Zusammenfallen der ersten und der dritten Person entstehende Zweideutigkeit verhindern. Normalerweise gibt aber der Satzzusammenhang eindeutig an, was gemeint ist. Es kommt deshalb trotz der für den Logiker gräulichen Zweideutigkeit nur selten zu Missverständnissen.

    Zur zweiten Frage: Nein, „ist“ ist richtig. Nur wenn die Frage einer anderen Person zitiert wird, handelt es sich um eine indirekte Rede:

    Sie fragte, was denn die indirekte Rede von […] sei.

    Im obenstehenden Satz wird aber nicht zitiert, sondern angegeben, wie die Fage lautet, die einen interessiert. Man formuliert sie sozusagen selbst:

    Es stellt sich die Frage, was denn die indirekte Rede von […| ist.