Was „ein Buch geschenkt bekommen“ mit „eine geklebt kriegen“ zu tun hat

Gestern fiel mir in einem älteren Film eine Drohung auf, die ich schon länger nicht mehr gehört hatte: „Gleich kriegst du eine geklebt!“ Sie hat mich an eine Frage erinnert, die M. schon vor einiger Zeit gestellt hatte:

Frage

Ich lese soeben von dem sogenannten Dativpassiv: etwas geschenkt bekommen oder geholfen bekommen. Letzteres klingt total falsch. Ersteres ist meinen Ohren gar nicht mal so suspekt […] Ist Ihnen das Dativpassiv ein Begriff?

Antwort

Guten Tag M.,

den Begriff Dativpassiv kenne ich eher als bekommen-Passiv. Ich habe mich aber nie eingehend damit beschäftig. Ich kenne das bekommen-Passiv im Zusammenhang mit Alternativen zum „normalen“ Passiv. Es kann mit bekommen, erhalten und kriegen gebildet werden.

Ich habe ein Buch geschenkt bekommen.
Sie erhalten das Formular per Post zugeschickt.
Du kriegst gleich eine geklebt!

Normalerweise muss das Hauptverb mit einem Dativ und einem Akkusativ verbunden sein, wobei der Dativ eine Person und der Akkusativ eine Sache bezeichnet. Dies ist bei Ich bekomme ein Buch geschenkt der Fall: jemandem (Dativ) etwas (Akkusativ) schenken. Die Formulierung kommt Ihnen deshalb auch vertraut vor. Die gleiche Verteilung von Dativ und Akkusativ findet sich auch bei jemandem etwas zuschicken und jemandem eine kleben.

Anders sieht es bei geholfen bekommen aus. Das Verb helfen hat zwar einen Dativ der Person, aber der Akkusativ fehlt (jemandem helfen). Die Formulierung Ich bekomme geholfen klingt deshalb auch in meinen Ohren falsch. Hier kann man nur das werden-Passiv verwenden: Mir wird geholfen.

Das bekommen-Passiv gilt bis auf wenige Ausnahmen wie etwas geschenkt bekommen und ein Schreiben zugeschickt erhalten als umgangs- oder regionalsprachlich. So sind zum Beispiel Er hat sein Auto repariert bekommen und Du kriegst gleich eine geklebt nur umgangssprachlich akzeptabel.

Sehen Sie hierzu auch diese Angaben in der CanooNet-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

4 Kommentare

  1. Dierk schreibt:

    Februar 3, 2010 um 09:55

    oder so: „Unser Sohn hat zum Geburtstag eine deutsche Grammatik gekauft gekriegt bekommen.“

  2. Dr. Bopp schreibt:

    Februar 3, 2010 um 17:11

    Womit Dierk den Beweis geliefert hat, dass das bekommen-Passiv eine „verdoppelbare“ Verbkonstruktion ist, was es ja sonst nur beim Doppelperfekt gibt (ich habe/hatte gesagt gehabt, ich bin/war gegangen gewesen).

  3. Katja schreibt:

    Januar 9, 2011 um 15:54

    Sehr geehrter Herr Dr. Bopp,

    erlauben Sie einer Studentin der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, die gerade ihre Magisterarbeit über das Rezipientenpassiv (=Dativpassiv, =bekommen-Passiv) schreibt, ein paar Anmerkungen zu diesem Thema.
    Zuerst einmal zu Ihrem Beweis für eine „verdoppelbare Konstruktion“. Dies funktioniert nur in den Sätzen, derer Hauptverb eine Bedeutung hat, die der Bedeutung des Verbs „bekommen“ ähnlich ist, z.B. „geschenkt bekommen“, „geliefert bekommen“, „geliehen bekommen“ u.ä.
    Was ist aber mit den Sätzen wie „Ich habe eine Regel erklärt bekommen“, „Ich habe zum Geburtstag gratuliert bekommen“ oder gar „Ich habe Blut abgenommen bekommen“, „Ich habe den Führerschein entzogen bekommen“? In solchen Sätzen wie den zwei letzteren kann keineswegs die Rede von einem Doppeleffekt sein, da man eben nichts bekommt, sondern verliert.

    Außerdem ist es schon seit Jahren bewiesen, dass die bekommen-Passiv-Konstruktionen nicht nur in der Umgangssprache zu beobachten sind. Ich hätte einige Beispiele aus den Zeitungen, Fernsehsendungen u.ä., wenn es Sie interessiert. Sogar in Goethes und Thomas Manns Werken finden sich diese Konstruktionen!

    Ich habe für meine Magisterarbeit eine kleine Untersuchung mit den Muttersprachlern zu dem Thema „Rezipientenpassiv“ durchgefüht, die ich in drei Monaten als Basis für meine Doktorarbeit benutzen werde. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen auch, dass sich diese Konstruktion mittlerweile in die deutsche Sprache eingelebt hat und gar nicht mehr als „nicht korrekt“ bewertet wird.

    Mit freundlichen Grüßen,

    K.S.

  4. Dr. Bopp schreibt:

    Januar 10, 2011 um 19:06

    Guten Tag Katja,

    Sie sind aber sehr streng zu mir! Wo steht denn im Blogeintrag, dass das Rezipientenpassiv falsch sei? Ich sage im Blogeintrag, dass das Rezipientenpassiv in Fällen wie a) „sein Autor repariert bekommen“ im Allgemeinen der gesprochenen Umgangssprache zugeordnet wird. Weiter schreibe ich, dass es in Fällen wie b) „geschenkt bekommen“ und „zugeschickt bekommen“ standardsprachlich akzeptiert ist. Als falsch bezeichne ich nur Fälle wie c) „geholfen bekommen“.

    Wir sind uns also bei a) nicht ganz einig, denn Sie sagen offenbar, „sein Auto repariert bekommen“ sei auch standardsprachlich akzeptiert. Bei b) besteht kein Unterschied zwischen Ihrer Aussage und dem Blogeintrag. Am interessantesten finde ich deshalb c). Ich gehe immer noch davon aus, dass „Bekommen Sie schon geholfen?“ als standardsprachlich inakzeptabel bezeichnet wird.

    Es gäbe hierzu noch viel zu sagen. Wie ich am Anfang des Blogeintrags schreibe, habe ich mich nie eingehend mit dem bekommen-Passiv befasst. Sie haben hier also einen Wissensvorsprung, den ich akzeptiere. Neue Erkenntnisse sind mir natürlich immer willkommen. Es würde mich deshalb interessieren, was Sie in Ihrer Magisterarbeit zu a) und c) sagen, d.h. welche Arten des Rezipientenpassivs (oder gar alle?) Sie als standardsprachlich akzeptiert bezeichnen. (Meine E-Mail-Adresse finden Sie ggf. hier.)

    Im Weiteren geht es hier nicht um eine linguistische Fachpublikation, sondern um einen Blog für Sprachinteressierte. So ist der „Beweis“ mit der Verdoppelbarkeit nicht ernsthaft als irgendeine Art von Beweis gemeint, sondern als kurze Reaktion auf das ebenfalls nicht allzu ernsthaft gemeinte Beispiel von Dierk. Er lässt sich übrigens auf dieser scherzhaften Ebene auch auf Ihre „Gegenbeweise“ anwenden: „Ich habe Blut abgenommen bekommen gekriegt.“ (Wie gesagt, diese Beispiele sind nicht als seriöse linguistische Beweise zu werten.)