Es wird wieder geflogen

Der Vulkan (dessen Namen ein Durchschnittsmensch nicht isländischer Herkunft sich einfach nicht merken kann) speit Asche. Die Aschewolke zieht über Europa und legt Flughäfen lahm. Das sind schöne Beispiele, wie man Dinge und Naturphänomene sprachlich „verpersönlichen“ kann. Man sieht schon fast vor sich, wie der Vulkan mit aufgeblähten Wangen Asche auspustet und wie die träge Aschewolke sich dann aufmacht, sich über Europa und dessen Flughäfen zu legen, um uns allen das Fliegen zu verunmöglichen.

Das Umgekehrte hörte ich heute Morgen am Radio: „Es wird wieder geflogen.“ Eine menschliche Aktivität, das Fliegen mit Flugzeugen, wird beschrieben und trotzdem werden keine Ausführenden wie Piloten, Flugpersonal, Bodenpersonal oder auch nur die Passagiere genannt. Auch keine verpersönlichten Flugzeuge, die ja auch fliegen, kommen in dieser Aussage vor. Nicht einmal das Wörtchen „man“ verwendet die Radiostimme. Es ist zwar auch unpersönlich, verlangt aber immerhin noch eine aktive Verbform: „Man fliegt wieder.“ Nein, man hört nur ein völlig unpersönliches „es“, durch das – sozusagen – wieder geflogen wird. Das ist die maximale Stufe sprachlicher Entpersönlichung.

Man könnte jetzt stilistische, rhetorische und psycholinguistische Betrachtungen über solche unpersönlichen Formulierungen anstellen, aber mir fiel einfach nur auf, wie unterschiedlich „persönlich“ man im Deutschen formulieren kann. Den gestrandeten Flugpassagieren wird es ohnehin egal sein, warum man es wie sagt; Hauptsache, es wird wieder geflogen.

2 Kommentare

  1. Fabian Schmied schreibt:

    April 21, 2010 um 10:39

    Ob dieses „es“, das da wieder geflogen wird, wohl dasselbe ist, das immer wieder regnet, schneit oder schön ist?

    Interessant ist auch, dass das unpersönliche „es“ im Gegensatz zum normalen Passiv nicht das Objekt der Aktion ist.

    Also: „Das Schnitzel wird verspeist.“ „Jemand verspeist das Schnitzel“ – Subjekt im Passiv ist Objekt im Aktiven.
    Aber: „Es wird geflogen.“ hat nicht die gleiche Bedeutung wie: „Jemand fliegt es.“

  2. Dr. Bopp schreibt:

    April 21, 2010 um 10:53

    Wenn man es ganz genau nimmt, ist das es in „Es regnet“ nicht das gleiche es wie dasjenige in „Es wird wieder geflogen“. Das erste es ist ein formales Subjekt bei unpersönlichen Verben. Es kann nicht weggelassen werden:

    Es regnet.
    Heute regnet es.

    Das zweite es ist ein Platzhalter für das Subjekt. Bei Passivkonstruktionen mit intransitiven Verben (d.h. Verben ohne Akkusativobjekt, das im Passiv zum Subjekt wird) kann es für das nicht vorhandene Subjekt stehen. Dieses es fällt weg, wenn ein anderes Wort im Satz an erster Stelle steht:

    Es wird wieder geflogen.
    Heute wird wieder geflogen.
    Es wird den Schülern geholfen.
    Den Schülern wird geholfen.

    Mehr dazu finden Sie hier und hier.

    Das es in Passivkonstruktionen mit transitiven Verben (z.B. „Das Schnitzel, es ist verspeist worden“) ist ein ganz normales „persönliches“ Fürwort, das anstelle eines sächlichen Substantivs die Rolle des Subjekts in einem Passivsatz hat. Es kann nicht wegfallen:

    Das Schnitzel ist verspeist worden.
    Es ist verspeist worden.
    Heute ist es verspeist worden.

    Siehe hier.