Warum geschlechtig fehlt

Frage

Im Biologieheft meines Sohnes finde ich die Ausdrücke „eingeschlechtig“ und „zweigeschlechtig“ in Verbindung mit Blüten. Mir war bisher nur „geschlechtlich“ bekannt. In canoonet finde ich kein „geschlechtig“, aber im Wahrig stehen beide Ausdrücke. Warum hat canoonet diesen Ausdruck bisher nicht aufgenommen?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

Sie kannten das Wort geschlechtig nicht, weil geschlechtig im Deutschen nicht als allein stehendes Wort verwendet wird. Es kommt nur in Verbindung mit einem anderen Wort vor. Zum Beispiel:

eingeschlechtig
zweigeschlechtig
getrenntgeschlechtig

Das steht eigentlich auch in (meinem) Wahrig: „geschlechtig, in Fügungen, z. B. getrenntgeschlechtig“. Damit ist gemeint, dass geschlechtig nur in zusammengesetzten Wörtern wie zum Beispiel getrenntgeschlechtig vorkommt. Das ist auch der Grund, weshalb Sie das Wort geschlechtig nicht als separaten Eintrag im Canoonet-Wörterbuch finden. Sie finden aber Zusammensetzungen der Form …geschlechtig:

doppelgeschlechtig, eingeschlechtig, getrenntgeschlechtig, gleichgeschlechtig, ungleichgeschlechtig, zweigeschlechtig

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch diese Ansicht.

Neben geschlechtig gibt es noch viele andere Formen, die in gleicher Weise nur in Zusammensetzungen, nicht aber allein stehend vorkommen. Zum Beispiel:

-armig: achtarmig, beidarmig, langarmig
-äugig: blauäugig, großäugig, scharfäugig
-monatig: einmonatig, dreimonatig, mehrmonatig
-prozentig: hundertprozentig, hochprozentig
-randig: breitrandig, glattrandig, schmalrandig
-sprachig: dreisprachig, mehrsprachig, deutschsprachig

Dann noch kurz zur Bedeutung: Die Form -geschlechtig bedeutet ein Geschlecht habend. Die Form -geschlechtlich bedeutet auf das Geschlecht bezogen, sexuell. Zum Beispiel:

eingeschlechtig = ein Geschlecht habend
gleichgeschlechtig = das gleiche Geschlecht habend
gleichgeschlechtlich = auf das gleiche Geschlecht bezogen

Dieser Bedeutungsunterschied zwischen -geschlechtig und -geschlechtlich wird allerdings nicht immer von allen streng eingehalten.

Sie werden natürlich immer wieder Wörtern begegnen, die Sie nicht im Wörterbuch finden. Es gibt sehr, sehr viele und immer wieder neue Wörter, so dass kein Wörterbuch sie alle auflisten kann. Die Form geschlechtig zeigt aber, dass das „Fehlen“ eines Wortes manchmal auch daran liegen kann, dass das Wort in dieser Form gar nicht verwendet wird. Es gibt zwar eingeschlechtige und zweigeschlechtige Blüten, das Wort geschlechtig gibt es aber trotzdem nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

5 Kommentare

  1. Nahno McLein schreibt:

    Mai 18, 2011 um 13:42

    Diesen Blog finde ich super.
    Canoonet is eines meiner meistbesuchten Webseiten als Korrekturleser. Vielen Dank für die tolle Arbeit.

    Nahno

  2. Cornelius schreibt:

    Mai 18, 2011 um 22:13

    Ich bin zwar kein Korrekturleser, aber Kämpfe immernoch mit Händen und Füßen gegen die reformierte Rechtschreibung – auch da hilft mir Canoo die selbstanerzogenen Sünden (egal in welche Richtung) abzumildern. Wunderbar! <3

  3. Dr. Bopp schreibt:

    Mai 19, 2011 um 16:27

    Vielen Dank!!

    Kommentare, die nicht direkt etwas mit dem Blogeintrag zu tun haben, werden normalerweise „hinter den Kulissen“ behandelt. Diesmal mache ich aus wahrscheinlich nicht völlig unbegreiflichen Gründen eine Ausnahme.

  4. Gernot Back schreibt:

    Mai 23, 2011 um 16:12

    Hallo Herr Dr. Bopp!

    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch diese Ansicht.
    http://www.canoonet.eu/wordformation/zweigeschlechtig

    Schade finde ich hier nur, dass die IC-Analyse bei dieser Ansicht anders als bei jener der Handtaschenräuberin nicht hinhaut.
    http://www.canoonet.eu/wordformation/handtaschenräuberin

    ( zwei +geschlecht ) + ig

    Freundliche Grüße

    Gernot Back

  5. Dr. Bopp schreibt:

    Mai 24, 2011 um 10:30

    Guten Tag Herr Back,

    schade ist es schon, aber nur dann, wenn man „unbedingt“ eine IC-Analyse machen möchte. (IC-Analyse = immediate constituent analysis = Konstituentenanalyse = Analyse von sprachlichen Einheiten wie Sätzen und Wörtern, bei der die Einheit hierarchisch in immer zwei Teile zerlegt wird.) Die Konstituentenanalyse hat Vorteile, aber auch den Nachteil, dass man „unterwegs“ nicht selbstständig vorkommenden lexikalen Einheiten begegnen kann. Wenn man dies als Ausgangspunkt nimmt, kann man auch „zweigeschlechtig“ in dieser Weise analysieren.

    Man hat dabei sogar zwei Möglichkeiten:

    1. (zwei + Geschlecht) +ig
    2. zwei + (Geschlecht +ig)

    Bei der ersten Analyse konstruiert man sinngemäß die nicht selbstständig vorkommende Einheit [zwei Geschlecht], bei der zweiten bildet man rein formal die nicht selbstständig vorkommende Einheit [geschlechtig]. Die zweite Analyse ist übrigens diejenige, die der Fragesteller, Herr K., wahrscheinlich intuitiv vorgenommen hatte.