Es wird geklatscht, geholfen und gedankt, aber nicht gewachsen, geglichen und begegnet

Es gibt Sachen, die man einfach richtig macht. Schwierig werden sie erst, wenn man sie zum Beispiel Deutschlernenden erklären soll. Eine solche Frage stellt Frau K. aus Russland.

Frage

Den Satz „Dem Arzt wird von den Patienten gedankt“ gebraucht man in der normalen Sprache selten oder vielleicht nie, aber grammatisch ist es doch möglich und richtig, oder? Warum ist es dann falsch, zu sagen „Dem Arzt wird von den Patienten begegnet“?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

nicht alle Verben können ins Passiv gesetzt werden. Im Allgemeinen können alle transitiven Verben, also Verben mit einem Akkusativobjekt, im Passiv stehen. Bei Ihren Beispielen handelt es sich aber um Sätze mit intransitiven Verben, das heißt Verben ohne ein Akkusativobjekt. Intransitive Verben können ebenfalls im Passiv stehen, aber nur dann, wenn das zu ihnen gehörende Subjekt der eigentliche Verursacher der Verbhandlung ist. Ein paar Beispiele können diese theoretische Beschreibung vielleicht ein bisschen verdeutlichen.

Bei den folgenden Sätzen ist das zum Verb gehörende Subjekt der eigentliche Träger oder Verursacher der Handlung. Das Subjekt klatscht, hilft, sorgt oder dankt bewusst und aktiv:

A: Die Zuschauer klatschen.
P: Es wird (von den Zuschauern) geklatscht.

A: Sie hilft der Nachbarin.
P: Der Nachbarin wird (von ihr) geholfen.

A: Der Vater sorgt für die Kinder.
P: Für die Kinder wird (vom Vater) gesorgt.

Ebenso:
A: Die Patienten danken dem Arzt.
P: Dem Arzt wird (von den Patienten) gedankt.

In den folgenden Sätzen ist das zum Verb gehörende Subjekt nicht der eigentliche Verursacher der Verbhandlung. Das Wachsen, Gleichen, Enden oder Begegnen ist hier keine bewusste und aktive Handlung des Subjekts:

A: Das Gras wächst schnell.
nicht: *Es wird vom Gras schnell gewachsen.

A: Sie gleicht ihrer Schwester.
nicht: *Ihrer Schwester wird von ihr geglichen.

A: Diese Substantive enden auf -ung.
nicht: *Von diesen Substantiven wird auf -ung geendet.

Ebenso:
A: Die Patienten begegnen dem Arzt.
nicht: *Dem Arzt wird von den Patienten begegnet.

Nur Verben mit einem aktiven Subjekt können also ins Passiv gesetzt werden. Eine Übersicht und weitere Beispiele finden Sie hier.

Man kann viele Verben ins Passiv setzen, aber das gilt nicht für alle. Oder im Passiv ausgedrückt: Viele Verben können ins Passiv gesetzt werden, aber es wird nicht für alle …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

4 Kommentare

  1. Vilinthril schreibt:

    April 9, 2015 um 10:32

    Interessanterweise sind für mich alle *-Sätze zwar markiert (in unterschiedlichen Schweregraden), aber möglich, wenn auch tw. in anderen Kontexten, etwa:

    „Es wird ja in der Stahlbranche trotz der Krise recht schnell gewachsen.“
    „Am Schluss der Zeremonie wurde mit den üblichen Dankesworten geendet.“
    „Den Kundinnen wurde mit der gebotenen Freundlichkeit begegnet.“

  2. Dr. Bopp schreibt:

    April 9, 2015 um 16:08

    Wenn ich Sie richtig verstehe, meinen Sie weniger die Beispielsätze als die darin verwendeten Verben. Zum Teil bin ich damit einverstanden. Beim ersten Satz muss ich allerdings sagen, dass ich auch Ihr Beispiel mit wachsen für nicht möglich halte. Bei den anderen beiden Sätzen wird das jeweilige Verb in Ihren Beispielen mit einer anderen Bedeutung verwendet:

    Das Verb enden hat hier eine aktive Bedeutung, das heißt, enden wird im Sinne von beenden, abschließen verwendet. Jemand (be)endet die Zeremonie aktiv mit Dankesworten. Es wird mit Dankesworten geendet.

    Auch begegnen hat in Ihrem Beispiel eine spezielle Bedeutung. Es ist nicht ein (zufälliges) Treffen, sondern das Personal begegnet den Kundinnen aktiv, indem es sie mit der gebotenen Freundlichkeit behandelt. Begegnen hat hier die Bedeutung sich in einer bestimmten Weise jemandem gegenüber verhalten. Man begegnet den Kundinnen (aktiv) mit der gebotenen Freundlichkeit. Den Kundinnen wird mit der gebotenen Freundlichkeit begegnet.

  3. Vilinthril schreibt:

    April 10, 2015 um 09:37

    Das stimmt natürlich (und habe ich übersehen), aber auch von Ihren Beispielsätzen sind für mich

    *Es wird vom Gras schnell gewachsen.
    *Ihrer [aber nicht: ihre] Schwester wird von ihr geglichen.

    zumindest nicht völlung undenkbar.

  4. Rappelkopf schreibt:

    April 13, 2015 um 10:49

    Apropos: „Schwierig werden sie erst, wenn man sie zum Beispiel Deutschlernenden erklären soll.“

    Zur vollständigen Verwirrung tragen dann noch „Werbesprech“-Aussagen wie

    „… hier werden Sie geholfen“ oder
    „… so muss Technik!“

    bei.

    Mit leicht schiefem Grinsen

    Rappelkopf