Welches oder welchen Landes?

Frage

Was ist richtig: „Der Präsident welches Landes ist …“ oder „Der Präsident welchen Landes ist …“?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

beide Formen sind hier richtig:

Der Präsident welchen Landes ist …
Der Präsident welches Landes ist …

Woher kommt diese „Willkür“? Wirklich rundum schließend erklären kann ich es auch nicht, aber es hat mit einem Unterschied bei der Beugung von Artikelwörtern, Pronomen und Adjektiven zu tun, wenn sie vor einem männlichen oder sächlichen Substantiv stehen.

Artikel sowie viele als Artikelwörter verwendete Pronomen haben im männlichen und sächlichen Genitiv die Endung es:

des/eines//dieses/jenes/meines/keines Kindes

Adjektive hingegen haben im männlichen und sächlichen Genitiv die Endung en:

des kleinen/frechen/wohlerzogenen/beispielhaften Kindes

Manche Artikelwörter haben nun die Neigung, sich vor einem Substantiv wie ein Adjektiv zu verhalten und die Endung en anzunehmen. Einige tun dies immer:

 die Verursacher einigen/etlichen Ärgers

Bei anderen schwankt der Gebrauch (und jetzt wird’s kompliziert): Sie haben die Endung en, aber nur dann, wenn das Substantiv den Genitiv mit es oder s bildet:

die Bekämpfung allen Übels
im Leben manchen Kindes
aber:
der Anfang alles Schönen
im Leben manches Menschen

Es reicht offenbar, den Genitiv nur einmal mit der typischen Genitivendung (e)s zu markieren (allen Übels). Umgekehrt muss der Genitiv aber einmal mit dieser Endung vertreten sein (jedes Menschen; vgl. auch den letzten Blogeintrag).

So weit, so gut, aber das war noch nicht alles. Neben den Artikelwörtern, die ganz der adjektivischen Beugung folgen (einige, etliche), und den „halbangepassten“ (alle, manche) gibt es noch die Gruppe der „unentschlossenen“. Bei ihnen kann die Genitivendung (e)s immer stehen, sie werden aber auch mit en verwendet:

die Erfüllung jedes/jeden Wunsches
der Präsident welches/welchen Landes
aber nur:
im Leben jedes Menschen
die Abenteuer welches Helden

Es gibt also im männlichen und sächlichen Genitiv einen Übergang von der Artikelendung es zur Adjektivendung en, den verschiedene Wörter in unterschiedlichem Maße vollzogen haben.

Das alles liest sich sehr kompliziert und das ist es auch. Kein Wunder also, dass Deutschlernende hier häufig verzweifeln oder resignieren und dass die Muttersprachigen sehr schnell ins Schleudern geraten, wenn sie anfangen, über diese Fälle nachzudenken, oder gar erklären sollten, war richtig ist. Dieser Übergang von es zu en ist die Ursache manchen Zweifels manches Deutsch sprechenden Menschen.

Eine Aufstellung der Artikelwörter, um die es hier geht, finden Sie auf dieser Seite.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Dieses Phänomen spielt auch bei einem berühmten Fehler eine Rolle, der eigentlich schon fast kein Fehler mehr ist: Statt standardsprachlich (noch?) vorzuziehend Ende dieses Jahres hört und liest man häufig Ende diesen Jahres.

2 Kommentare

  1. Christoph Päper schreibt:

    Dezember 10, 2015 um 12:38

    Man kann häufig auch mit der Ersetzungsprobe arbeiten: Kann an dieser Stelle stattdessen ein (starkes) Adjektiv ohne Artikel stehen? Dann kann das Artikelwort ebenfalls wie ein Adjektiv gebeugt werden, z.B. letzten/nächsten/diesen Jahres.

    Im Plural können alle Substantive auf Artikel verzichten, im Singular nur bestimmte. Die hier genannten Artikelwörter unterscheiden sich darin, ob sie semantisch einzelne (jed+) oder viele (einig+, etlich+, all+) Exemplare bzw. Anteile des Substantivbegriffs meinen. Bei manch+ und welch+ hängt es von ihrem Numerus ab. Es scheint, dass das Bedeutung für ihr Flexionsverhalten hat, aber ich habe das noch nicht ganz durchgedacht.

    Gibt es eigentlich Substantive, die ohne Artikel stehen können, aber schwach (also mit n im GenSg) dekliniert werden?

  2. Michael Graeme schreibt:

    Dezember 14, 2015 um 15:40

    Die Aufzählung „letzten/nächsten sowie diese… Jahres“ macht doch gerade den Unterschied deutlich, denke ich. Es handelt sich ja bei den ersten beiden Bestandteilen um Adjektive, beim dritten aber um das Demonstrativpronomen, die doch in der Deklination unterschiedlich behandelt werden.

    Gerade deshalb empfinde ich „diesen Jahres“ immer noch sehr unangenehm, auch wenn es schon sehr oft zu hören und zu lesen ist. Aber wahrscheinlich liegt das bei mir daran, dass ich schon zur älteren Generation gehöre…