Digital und mit dem Finger

Bei uns zu Hause steht noch so etwas wie eine Musikanlage. Sie ist so neu, dass man sie, ohne aufstehen zu müssen, mit Hilfe einer App auf dem schlauen Telefon bedienen kann. Sie ist aber alt genug, dass man sie auch mit Hilfe des Fingers ein- und ausschalten oder zum Beispiel die Lautstärke regeln kann, vorausgesetzt dass man sich zu ihr hinbemüht. Die erste Art der Bedienung nennen wir hier zu Hause „digital“, die zweite wegen der Druckknöpfe „mit dem Finger“. Dabei ist mir erst gestern aufgefallen, dass dieser Gegensatz etwas Absurdes hat.

Das Wort digital kommt vom englischen Adjektiv digital, das wiederum von digit (Zahl von 0 bis 9, [zum Zählen benutzter] Finger) abgeleitet ist. Dieses digital geht somit auf lateinisch digitus = Finger zurück. Daneben gibt es auch in der Medizin das Adjektiv digital, das ohne Umweg über das Englische von lateinisch digitalis resp. digitus kommt. Seine Bedeutung: mit dem Finger (digitale Palpation = mit dem Finger abtasten).

Unser häuslicher Gegensatz digital bedienen ↔ mit dem Finger bedienen zeigt, dass sich dieses Adjektiv digital über verschiedene Stufen des Bedeutungswandels sozusagen in sein Gegenteil verwandelt hat. Und trotzdem verstehen wir problemlos, was gemeint ist.

2 Kommentare »

  1. Christian schreibt:

    August 26, 2019 um 20:48

    Etwas weniger schön als die angeführte „digitale Palpation“ ist der medizinische (bzw. pflegerische) Begriff „digitales Ausräumen“. Da führt die Facherklärung des lateinischen Teils bei den Betroffenen manchmal zu einem eher unerwarteten Aha-Erlebnis.

  2. Dr. Bopp schreibt:

    August 28, 2019 um 10:44

    „Digitales Ausräumen“ klingt in einem medizinischen Zusammenhang schon ziemlich „verdächtig“. Ich habe den Begriff nachgeschlagen. Mein Verdacht hat sich als begründet erwiesen.

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