Archiv für Grammatik

Sind die Wochentage Eigennamen?

Frage

Sind Wochentage nicht auch Eigennamen? Wenn nein, weshalb nicht? Wenn ja, weshalb werden sie auf dieser Seite nicht erwähnt und weshalb heißt es dann nicht „An Sonntag gehen wir in die Berge“, sondern „Am Sonntag gehen wir in die Berge“? Vor Eigennamen wird doch kein Artikel benötigt.

Antwort

Guten Tag Herr W.,

die Bezeichnungen für die Wochentage sind keine eigentlichen Eigennamen, sondern Zeitbegriffe. Deshalb werden sie nicht auf der Seite, die Sie erwähnen, aufgeführt. Mit Sonntag wird nicht ausschließlich ein einzelner, einmalig vorkommender Tag bezeichnet. Jede Woche hat einen Sonntag.

Die Bezeichnungen für die Wochentage sind den Eigennamen aber sehr ähnlich. So kann man sie ohne Artikel und ohne Präposition verwenden, wenn ein ganz bestimmter Tag wie zum Beispiel der soeben vergangene oder der erstfolgende so bezeichnete Tag gemeint ist:

Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin Montag angekommen
Ihr habt bis Mittwoch Zeit
in der Nacht von Montag auf Dienstag

Ebenfalls ohne Artikel z. B.:

Heute ist Dienstag

Sonst werden sie in der Regel mit Artikel verwendet, meist auch dann, wenn der soeben vergangene oder der erstfolgende so genannte Tag gemeint ist:

Am Mittwoch fahre ich in die Stadt
Ich bin am Montag angekommen
Ihr habt bis zum Mittwoch Zeit
in der Nacht vom Montag auf den Dienstag

Dass Ihr Zweifel sehr berechtigt ist, zeigt sich auch darin, wie die Wochentage in anderen Sprachen behandelt werden: Im Englischen werden sie wie Eigennamen großgeschrieben (Today is Tuesday), im Französischen aber wie „gewöhnliche“ Substantive klein (Aujourd’hui, c’est mardi).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Knifflige Adjektivbeugung: „dessen eines fehlende[s?] Bein“

Keine Angst, hier werden keine Insekten gequält, Frösche seziert oder frankensteinsche Monster zusammengesetzt. Es geht nur um ein fehlendes Tischbein und die Adjektivbeugung.

Frage

Ich habe mal wieder eine knifflige Frage und komme leider nicht weiter. Ist der folgende Satz grammatikalisch richtig?

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Ich bin der Meinung, es müsste „… dessen eines fehlende Bein ersetzt …“ heißen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Antwort ist einfach: Der Satz ist mit dessen eines fehlendes Bein richtig formuliert. Etwas schwieriger ist die Erklärung, weshalb das so ist. Es geht um die Adjektivbeugung nach dessen und ein Zahlwort, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Auch wenn eines wie ein unbestimmter Artikel aussieht, ist es hier ein Zahlwort, das wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es kann wie ein Adjektiv starke und schwache Endungen annehmen:

schwache Endung:
das eine Bein
dieses eine Bein
der eine Traum
dieser eine Traum

starke Endung:
sein eines Bein
dessen eines Bein
sein einer Traum
dessen einer Traum

Wie die Beispiele zeigen, wird ein Adjektiv – und in diesem Fall das Zahlwort ein… – nach dessen wie nach zum Beispiel sein stark gebeugt (vgl. hier und hier)

Das gilt auch auch für ein nachfolgendes Adjektiv, das heißt, ein weiteres Adjektiv wird gleich gebeugt (parallele Beugung):

schwache Endung:
das eine fehlende Bein
dieses eine fehlende Bein
der eine große Traum
dieser eine große Traum

starke Endung:
sein eines fehlendes Bein
dessen eines fehlendes Bein
sein einer großer Traum
dessen einer großer Traum

Der Satz ist also so, wie Sie in zitiert haben, richtig formuliert:

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Es ist aber nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier ins Zweifeln geraten sind. Formulierungen wie diese kommen nur selten vor. Weiter werden bei der Beugung von Adjektiven nach dessen und deren viele unsicher. Und wenn man dann einmal angefangen hat, darüber nachzudenken, hilft es nicht viel, dass eines ein Zahlwort ist, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Von „seit“ und „ab“

Frage

Wir lektorieren Texte [..] und es gibt eine Frage, die uns (und andere Lektoren, wie wir festgestellt haben) beschäftigt: der Gebrauch von „ab“ und „seit“ bei Angaben von Zeitspannen. Ich war stets der Meinung, dass „seit“ das Präsens verlangt, weil es sich immer um Umstände handelt, die noch andauern:

Seit 1992 ist er Geschäftsführer …,

Mit „ab“, und das ist bei historischen Texten ja meistens der Fall, wird eine Zeitspanne in der Vergangenheit ankündigt:

Ab 1938 war er Geschäftsführer

Auch wenn es evtl. nicht erwähnt wird, ist sehr wahrscheinlich, dass er es nicht mehr ist, daher Imperfekt.

Nicht möglich ist meiner Meinung nach:

Seit 1938 war er Geschäftsführer“

[…]

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die Verwendung von ab und seit ist etwas komplexer, als sie oft dargestellt wird. Fangen wir mit seit an:

Die Präposition seit dient a) der Angabe eines Zeitpunktes, an dem etwas angefangen hat, das noch andauert, oder b) der Angabe eines Zeitraumes, an dessen Beginn etwas angefangen hat, das noch andauert:

a) Seit 2009 ist er Geschäftsführer
b) Seit 10 Jahren ist er Geschäftsführer

Der Zeitpunkt, an dem etwas noch andauert, ist häufig der Sprechzeitpunkt, was die häufige Verwendung des Verbs im Präsens erklärt:

Seit 2009 ist er Geschäftsführer
Seit 10 Jahren ist er Geschäftsführer
(In beiden Fällen ist er jetzt immer noch Geschäftsführer)

Ich kenne sie schon seit meiner Kindheit.
(Ich kenne sie jetzt immer noch)

Sie wohnen schon seit der Jahrtausendwende im gleichen Haus
(Sie wohnen jetzt immer noch in diesem Haus)

Er raucht schon seit über zwanzig Jahren
(Er raucht jetzt immer noch)

Der Zeitpunkt, an dem etwas immer noch fortdauert, kann aber auch in der Vergangenheit liegen:

Er war seit 1930 Geschäftsführer, als der Krieg ausbrach
(Er war bei Kriegsausbruch immer noch Geschäftsführer)

Sie traf dort einen Mann, der seit 10 Jahren Geschäftsführer war
(Er war immer noch Geschäftsführer, als sie ihn traf)

Die Nachbarin, die ich schon seit meiner Kindheit kannte, zog plötzlich aus
(Zum Zeitpunkt des Auszugs kannte ich die Nachbarin noch)

Sie wohnten schon seit der Jahrtausendwende im gleichen Haus, aber niemand grüßte sie
(Zum Zeitpunkt, an dem niemand sie grüßte, wohnten sie immer noch in diesem Haus)

Er rauchte schon seit über zwanzig Jahren, als er beschloss, damit aufzuhören
(Zum Zeitpunkt seines Beschlusses rauchte er noch)

Ob die Formulierung

Seit 1938 war er Geschäftsführer

möglich ist oder nicht, hängt somit vom weiteren Kontext ab. Die Wortstellung legt nahe, dass die Formulierung nicht richtig ist, aber unmöglich ist sie nicht:

Seit 1938 war er Geschäftsführer, als er 1945 endlich auch Mitinhaber wurde.
[üblicher: Er war seit 1938 Geschäftsführer, als er 1945 …]

Nicht richtig ist die Verwendung von seit, wenn die Zeitangabe nicht im Zusammenhang mit etwas noch Andauerndem gemacht wird. In den folgenden Sätzen sollte deshalb nicht seit verwendet werden:

*Seit 1938 war er Geschäftsführer. Er leitete den Betrieb zehn Jahre lang. *Seit 1948 war er dann …

Sie wohnten *seit der Jahrtausendwende einige Jahre im Zentrum. Heute wohnen sie wieder außerhalb der Stadt

Hier sollte mit ab oder von … an formuliert werden:

Ab 1938 war er Geschäftsführer. Er leitete den Betrieb zehn Jahre lang. Von 1948 an war er dann …

Sie wohnten ab der Jahrtausendwende einige Jahre im Zentrum. Heute wohnen sie wieder außerhalb der Stadt

Die Präposition seit verlangt also nicht unbedingt das Präsens. Sie sollte aber im Zusammenhang mit etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt noch Andauerndem verwendet werden.

Ist dies nicht der Fall und soll dennoch angegeben werden, wann etwas angefangen hat oder anfängt, dann kommen – wie die Beispiele oben zeigen – ab oder von … an ins Spiel. Das ist auch der Grund, weshalb Lehrbücher manchmal angeben, ab stehe bei Angaben in der Zukunft. Das ist tatsächlich häufig der Fall. Etwas, das noch nicht angefangen hat, kann in der Regel nicht noch andauern, so dass seit nicht in Frage kommt:

Ab nächster Woche gehen alle wieder zur Schule
Wir werden vom nächsten Monat an mehr für das Abonnement bezahlen
Wer weiß, ob es Canoonet ab Januar 2020 noch geben wird?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Doppelte Reflexivpronomen sind standhaft: sich sich, dich dich, euch euch

Frage

Der Satz

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der selbst vom Thron gestoßene Sohn aus der Politik zurückziehe.

ist mit Sicherheit nicht korrekt. Aber wie müsste man es richtig machen? […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

der Satz ist tatsächlich nicht richtig formuliert. Es fehlt im etwas, wie auch diesen Sätzen etwas fehlt:

*Sie haben sich nicht an die Anweisungen haltend prompt verirrt.
*Dann begann das sich langweilende Publikum zu beklagen.
*Der Fluss windet sich immer erweiternd durch die grüne Landschaft.
*Ich bemühe mich nicht in Details zu verlieren.
*Schämt euch über andere lustig zu machen!

Wenn in einem Satz zwei Verbformen vorkommen, die beide ein Reflexivpronomen fordern, müssen beide Pronomen genannt werden – auch dann, wenn Ihr Korrekturprogramm vorschlägt, eines der beiden zu streichen. Es muss deshalb richtig heißen:

Sie haben sich, sich nicht an die Anweisungen haltend, prompt verirrt.
Dann begann das sich langweilende Publikum sich zu beklagen.
Der Fluss windet sich, sich immer erweiternd, durch die grüne Landschaft.
Ich bemühe mich mich nicht in Details zu verlieren.
Schämt euch euch über andere lustig zu machen!

Auch in Ihrem Satz fehlt ein sich. Außerdem sollte hier nicht das einfache Partizip gestoßene, sondern gestoßen habende stehen:

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der sich selbst vom Thron gestoßen habende Sohn aus der Politik zurückzieht.

Lange Partizipgruppen dieser Art sind aber sperrig und wenig lesefreundlich. Es ist hier sicher besser, eine andere Formulierung zu wählen. Je nach zeitlichen Verhältnissen zwischen dem Zeitpunkt des Versprechens und dem Zeitpunkt des Thronverzichts zum Beispiel:

Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls der Sohn, der sich selbst vom Thron gestoßen hatte, sich aus der Politik zurückziehe.
Ihm wurde ein hochrangiger Posten versprochen, falls sich der Sohn selbst vom Thron stoße und sich aus der Politik zurückziehe.

So bemüht man sich sich deutlich auszudrücken. Auch dieser (vor)letzte Satz zeigt, dass es stilistisch manchmal besser ist, umzuformulieren, wenn nicht weggelassen werden darf.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Präpositionen, die manchmal zu Adverbien werden: unter, über, bis zu

Frage

Ich habe eine Frage zum Fall nach „unter“. Es heißt „Betriebe mit unter zehn Mitarbeitern“. Sagt man auch „Betriebe, die unter zehn Mitarbeitern beschäftigen“ oder ist „Betriebe, die unter zehn Mitarbeiter beschäftigen“ richtig? […]

Antwort

Guten Tag Frau T.,

heißt es unter zehn Mitarbeitern oder unter zehn Mitarbeiter? Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten.

Wenn unter vor einer Zahlenangabe steht, hat es oft keinen Einfluss auf den Fall des nachfolgenden Wortes. Das ist dann der Fall, wenn unter durch weniger als ersetzt oder weggelassen werden kann. Man verwendet unter dann nicht als Präposition, die einen bestimmten Fall verlangt, sondern als Adverbialbestimmung.

Die Kinder sind unter sechs Jahre alt
Kinder von unter sechs Jahren

Nach unter steht dann der gleiche Fall, wie wenn unter weggelassen oder durch weniger als ersetzt wird:

Die Kinder sind [weniger als] sechs Jahre alt
Kinder von [weniger als] sechs Jahren

Das gilt auch für Ihr Beispiel. Auch hier ist unter eine Adverbialbestimmung und deshalb steht einmal der Dativ (abhängig von mit) und einmal der Akkusativ (Akkusativobjekt zu beschäftigen):

Betriebe mit unter zehn Mitarbeitern
Betriebe, die unter zehn Mitarbeiter beschäftigen

Betriebe mit [weniger] als zehn Mitarbeitern
Betriebe, die [weniger als] zehn Mitarbeiter beschäftigen

Das Gleiche gilt übrigens auch für über und bis zu vor Zahlenangaben. Wenn sie durch eine andere Adverbialbestimmung ersetzt oder weggelassen werden können, haben sie keinen Einfluss auf den Kasus.

über:

Diese Städte haben über 100 000 Einwohner
Städte mit über 100 000 Einwohnern

Diese Städte haben [mehr als] 100 000 Einwohner
Städte mit [mehr als] 100 000 Einwohnern

bis zu:

Es kann bis zu einen Monat dauern
Es ist mit Wartezeiten von bis zu einem Monat zu rechnen

Es kann [maximal] einen Monat dauern
Es ist mit Wartezeiten von [höchstens] einem Monat zu rechnen

Wir haben es hier mit Präpositionen zu tun, die zu Adverbien werden können. Mehr dazu finden Sie hier, hier und hier. Und hier steht, dass auch zwischen sich manchmal ganz ähnlich verhält. Kleine Wörtchen können für großen Erklärungsaufwand sorgen, wenn man genauer wissen möchte, wie sie sich verhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die leere Stelle in der Tabelle: der Dativ von „was?“

Heute geht es um eine Frage, die mir nicht schriftlich gestellt wurde. Wie fragt man nach einem Dativobjekt, das keine Person ist? Konkret wollte man wissen, wie man nach einer Sache fragen kann, der eine andere Sache entspricht. Zum Beispiel:

Ihre Aussage entspricht den Tatsachen.

Wie kann man nach dem Dativ den Tatsachen fragen?

Relativ einfach ist die Antwort auf die Frage, wie man nicht fragen kann: nicht mit wem, das nur für Personen verwendet werden kann, aber erstaunlicherweise auch nicht mit was:

nicht: *Wem entspricht Ihre Aussage?
nicht: *Was entspricht Ihre Aussage?

Standardsprachlich bleibt hier nur das oft etwas unbeholfen klingende welcher Sache oder eine andere Formulierung:

Welcher Sache entspricht Ihre Aussage?
Womit stimmt Ihre Aussage überein?

Ebenso zum Beispiel:

Zucker schadet den Zähnen.
nicht: Was schadet Zucker?
sondern z. B.: Wofür ist Zucker schädlich?

Ich stimme deinem Vorschlag zu.
nicht: Was stimme ich zu?
sondern z. B.: Womit bin ich einverstanden?

Sie näherten sich langsam dem Eingang der Höhle.
nicht: Was näherten sie sich langsam?
sondern z. B.: Welchem Ort näherten sie sich langsam?

Es gibt bei den Fragewörtern wer und was eine Leerstelle in der Tabelle:

Person Nichtperson
Nominativ  wer was
Akkusativ wen was
Dativ wem
Genitiv wessen  wessen

Das „Loch“ beim Dativ von Nichtpersonen entspricht allerdings nicht wirklich gähnender Leere. Umgangssprachlich wird nämlich häufig doch was verwendet, vor allem wenn ein Präposition den Dativ verlangt. Standardsprachlich sollten allerdings die Fragewörter der Form wo[r]- stehen:

Mit was stimmt Ihre Aussage überein?
Von was redest du?
Um was handelt es sich?

Um entrüsteten Kommentaren vorzubeugen (welcher Sache vorzubeugen? / was zu verhindern?), möchte ich nochmals betonen, dass hier standardsprachlich mit wo[r]- formuliert werden sollte:

Womit stimmt Ihre Aussage überein?
Wovon redest du?
Worum handelt es sich?

Die leere Stelle in der Tabelle gibt es also vor allem in der Standardsprache. Die Umgangssprache stört sich weniger an solchen „Inkonsequenzen“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Infinitivgruppe nach Doppelpunkt mit oder ohne „zu“? – Hauptsache: nicht lange darüber [zu] grübeln

Frage

Die folgende Frage habe ich in unserer Übersetzungsgruppe gestellt: Würdet ihr hier „respektieren“ oder „zu respektieren“ bevorzugen?

Die wichtigste Geste: Anderen zeigen, dass wir sie respektieren.

Die Meinungen waren geteilt. Nur drei Mitglieder der Gruppe stimmten für eine Änderung mit „zu zeigen“. Zu denen zähle ich auch. […] Gibt es da eine Regel, die ich nicht finde?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

es geht hier wieder einmal um einen Fall, bei dem Sie die Qual oder, meiner Meinung nach, den Luxus der Wahl haben. Die Formulierung ist nämlich mit und ohne zu korrekt. Mit Doppelpunkt würde ich persönlich die Variante ohne zu wählen:

Die wichtigste Geste: anderen zeigen, dass wir sie schätzen

Die Formulierung mit zu, die Sie bevorzugen, ist aber ebenfalls möglich:

Die wichtigste Geste: anderen zu zeigen, dass wir sie schätzen

Hier noch eine anderes Beispiel:

Die einzige Möglichkeit für ihn: ein neues Auto kaufen
Die einzige Möglichkeit für ihn: ein neues Auto zu kaufen

Eine feste Regel gibt es nicht. Man kann die Infinitivgruppe nach dem Doppelpunkt nämlich in dreierlei Weise interpretieren:

a) als eigenständige Infinitivgruppe (ohne „zu)

anderen zeigen, dass wir sie respektieren
ein neues Auto kaufen

b) als Subjekt (mit oder ohne „zu“):

Anderen [zu] zeigen, dass wir sie schätzen, ist die wichtigste Geste
Ein neues Auto [zu] kaufen, ist die einzige Möglichkeit.

c) als Prädikativ (mit „zu“):

Die wichtigste Geste ist, anderen zu zeigen, dass wir sie respektieren.
Die einzige Möglichkeit ist, ein neues Auto zu kaufen.

Deshalb kann hier nach dem Doppelpunkt mit und ohne zu formuliert werden. Das Wichtigste: nicht lange darüber [zu] grübeln.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was für ein Konjunktiv in „Wer hätte denn ahnen können“?

Frage

Ich hätte eine Frage zu folgendem Satz, genauer zum Tempus/Modus. Ist beides korrekt? Um was für eine Art Satz handelt es sich denn hier?

Wer hätte den ahnen können, dass es nur einen Tag dauern wird, bis es ums Wesentliche geht?

oder

Wer hätte den ahnen können, dass es nur einen Tag dauern würde, bis es ums Wesentliche gehen würde?

Ich bin unsicher, da der Hauptsatz im Konjunktiv II steht.

Antwort

Guten Tag Herr F.,

beides ist korrekt, aber es gibt einen kleinen Unterschied. Welche Formulierung Sie wählen, hängt davon ab, ob es:

a) zum Sprechzeitpunkt noch ums Wesentliche gehen wird (Zukunft: Futur/Präsens) :

Wer hätte denn ahnen können, dass es nur einen Tag dauern wird, bis es ums Grundsätzliche geht?

b) zum Sprechzeitpunkt bereits ums Wesentliche gegangen ist (Zukunft in der Vergangenheit: würde-Form):

Wer hätte denn ahnen können, dass es nur einen Tag dauern würde, bis es ums Wesentliche gehen würde?

Der ganze Satz ist kein Konditionalgefüge o. Ä. Ob in den Nebensätzen der Indikativ oder die würde-Formen stehen, hat nichts mit dem Konjunktiv II im Hauptsatz zu tun. Vgl. eine ähnliche Konstruktion, in der der Hauptsatz im Indikativ steht:

Er hat gesagt, dass es nur einen Tag dauern wird, bis es ums Wesentliche geht (Zukunft)

Er sagte, dass es nur einen Tag dauern würde, bis es ums Wesentliche gehen würde (Zukunft in der Vergangenheit)

Warum steht dann der Hauptsatz im Konjunktiv II? Man kann ihn am besten als irreale Modalverbkonstruktion interpretieren:

Wer hätte das denn ahnen können = ahnen müssen/sollen
Wer hätte denn ahnen können, dass …

Es ist also ein Satz, der mit Sätzen wie diesen vergleichbar ist:

Das hättest du nicht tun sollen
Hättet ihr nicht besser aufpassen können?
Das hätte nicht geschehen dürfen

So weit der Versuch einer Erklärung. Und nun folgt noch das große Aber: Wie meistens, wenn es im Deutschen um den Konjunktiv geht, wird nicht immer so und nicht immer mit genau dieser Bedeutungsdifferenzierung formuliert. Unverrückbare allgemeingültige Regeln zur Verwendung des Konjunktivs und der würde-Formen gibt es – je nachdem wie streng man sein will – nicht oder kaum.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Was „nicht nur – sondern auch“ alles verbinden kann

Frage

Welche Sätze sind richtig? Alle? Und warum? Die Satzstruktur von zweiteiligen Konnektoren wird nirgends mit trennbaren Verben erklärt.

  1. Stress hängt nicht nur von äußeren, sondern auch von inneren Faktoren ab.
  2. Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren, sondern auch von inneren (Faktoren) ab.
  3. Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern auch von inneren (Faktoren).

Alle Varianten tönen korrekt, aber wie erklärt man das jemandem richtig? Welche Regel liegt zugrunde? […]

Antwort

Guten Tag Frau L.,

mit der mehrteiligen Konjunktion nicht nur – sondern auch können nicht nur Sätze, sondern auch Wortgruppen und Wörter miteinander verbunden werden. Das lässt sich anhand Ihrer Beispielsätze gut zeigen:

Im ersten Satz werden von äußeren und von inneren miteinander verbunden:

nicht nur von äußeren, sondern auch von inneren
Stress hängt nicht nur von äußeren, sondern auch von inneren Faktoren ab.

Vgl. die gleiche Formulierung mit der einfachen Konjunktion und:

von äußeren und von inneren
Stress hängt von äußeren und von inneren Faktoren ab.

Im zweiten Satz werden von äußeren Faktoren und von inneren (Faktoren) miteinander verbunden:

nicht nur von äußeren Faktoren, sondern auch von inneren (Faktoren)
Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren, sondern auch von inneren (Faktoren) ab.

Vgl. die gleiche Formulierung mit der einfachen Konjunktion und:

von äußeren Faktoren und von inneren (Faktoren)
Stress hängt von äußeren Faktoren und von inneren (Faktoren) ab.

Im dritten Satz werden zwei Sätze miteinander verbunden, von denen der zweite nur unvollständig realisiert wird, das heißt, identische Teile des Satzes werden nicht wiederholt:

Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern [Stress hängt] auch von inneren (Faktoren) [ab]
Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern auch von inneren (Faktoren).

Beim dritten Satz ist aber auch eine anderer Analyse möglich:

Im dritten Satz werden wie im zweiten Satz von äußeren Faktoren und von inneren (Faktoren) miteinander verbunden. Dabei wird das zweite Element der Aufzählung aber ins sogenannte Nachfeld ausgelagert, das heißt, es wird hinter ab gestellt:

nicht von äußeren Faktoren, sondern auch von inneren (Faktoren)
Stress hängt nicht nur von äußeren Faktoren ab, sondern auch von inneren (Faktoren)

Alle Formulierungen sind korrekt. Sie unterscheiden sich dadurch, dass nicht nur – sondern auch unterschiedliche Satzelemente miteinander verbindet. Der Vollständigkeiten halber noch ein Beispiel, in dem es zwei einzelne Wörter verbindet:

Mit nicht nur freundlichen, sondern auch sonnigen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Namen des Besitzers und des Hotels

Wer hat wie viele Namen?

Frage

Ich weiß nicht, ob der Satz „Die Namen des Besitzers und des Hotels waren falsch“ so ganz korrekt ist. Problematisch ist vor allem der Plural des Subjekts. Muss es „der Name“ heißen, weil es jeweils um nur einen Namen geht? Oder heißt es „Der Name des Besitzers und der des Hotels waren falsch“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

mit festen Regeln kann ich hier nicht aufwarten, nur mit einer Empfehlung.

Ich gehe davon aus, dass Folgendes ausgesagt werden soll:

Der Name des Besitzers und der Name des Hotels waren falsch

Es ist hier nicht möglich, einfach den wiederholten Wortgruppenkern der Name wegzulassen:

nicht: *Der Name des Besitzers und des Hotels waren falsch

Das Verb in die Einzahl zu setzen, hilft auch nicht viel:

Der Name des Besitzers und des Hotels war falsch

Der Satz ist so nicht ungrammatisch, aber damit wird eindeutig gesagt, dass sich der Besitzer und das Hotel einen Namen teilen. Vgl.:

Das Auto meiner Schwester und meiner Mutter steht vor dem Haus.
= Schwester und Mutter haben ein gemeinsames Auto

Es ist möglich, das Wort „Namen“ wie in Ihrer Frage in den Plural zu setzen. Das führt aber zu einer Formulierung, die nicht gerade von Deutlichkeit strotzt:

Die Namen des Besitzers und des Hotels waren falsch

Das kann bedeuten:

= Der Besitzer und das Hotel haben je mehrere Namen
= Der Besitzer und das Hotel haben mehrere gemeinsame Namen

Fraglich finde ich, ob man darunter auch verstehen kann:

= Der Besitzer und das Hotel haben je einen Namen [?]

Die letzte Interpretation ist nicht unbedingt ausgeschlossen, aber m. M. n. bestimmt nicht die, auf die man zuerst kommt.

Das gilt auch hier:

die Autos meiner Schwester und meiner Mutter
= Schwester und Mutter haben je mehrere Autos
= Schwester und Mutter haben mehrere gemeinsame Autos
= Schwester und Mutter haben je ein Auto [?]

Wenn Ihnen an Deutlichkeit gelegen ist, wiederholen Sie deshalb am besten den Wortgruppenkern ganz oder als Pronomen:

Der Name des Besitzers und der Name des Hotels waren falsch.
Der Name des Besitzers und der[jenige] des Hotels waren falsch.

Wiederholung ist lange nicht immer schlecht, vor allem dann nicht, wenn sie so schön für Klarheit sorgen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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