Archiv für Grammatik

Die Kinder sind drei und ein Jahr(e?) alt

Frage

Können Sie mir beantworten, welcher der zwei Formulierungen der Vorzug zu geben ist:

Meine zwei Kinder sind 3 und 1 Jahre alt.
Meine zwei Kinder sind 3 und 1 Jahr alt.

Oder geht Ihres Erachtens nur: „3 Jahre und 1 Jahr alt“?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

Wenn ein Substantiv in einer Aufzählung mehr als einmal erscheint und dabei unterschiedliche Attribute bei sich hat, muss es nur einmal genannt werden. Das gilt auch dann, wenn das Substantiv nicht immer dieselbe Form hat.

Anders und weniger genau, dafür hoffentlich leichter verständlich formuliert heißt das: Wenn ein Substantiv in einer Aufzählung ausgelassen wird, formuliert man gleich, wie wenn kein Wort weggelassen würde:

Meine Kinder sind drei und ein Jahr alt (drei [Jahre] und ein Jahr alt)
Meine Kinder sind ein und drei Jahre alt (ein [Jahr] und drei Jahre alt)

Ebenso zum Beispiel:

Gibt es nur eine oder mehrere Wahrheiten?
Kann es mehrere oder nur eine Wahrheit geben?
sowohl das große als auch die kleinen Zelte
sowohl die kleinen als auch das große Zelt
mit einer oder mehreren Personen
mit mehreren oder nur einer Person

Es ist eigentlich ganz einfach. Sie sind vielleicht deshalb unsicher geworden, weil es häufiger vorkommt, dass zuerst der Singular und dann der Plural genannt wird:

ein und drei Jahre alt
mit einer oder mehreren Personen

Die umgekehrte Reihenfolge trifft man weniger häufig an. Sie ist deshalb möglicherweise ein bisschen gewöhnungsbedürftiger:

drei und ein Jahr alt
mehrere oder nur eine Person

Sie können aber stolz und grammatisch korrekt sagen, dass Ihre Kinder drei und ein Jahr alt sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Seilbahn und ihre Vorgängerin

Frage

Manchmal stolpere ich beim Lesen über Formulierungen wie diese:

Die Seilbahn fasst dreimal so viele Passagiere wie ihre Vorgängerin
Die XY-Aktie war die größte Verliererin im DAX
Die dunkle Materie ist Herrscherin des Universums

Ist es nicht so, dass Wörter, die mit -in enden, Frauen bezeichnen, und ist es daher nicht im Grunde falsch, so zu formulieren? Ist es Gender-Sprache?

Die alternativen Formulierungen wären:

Die Seilbahn fasst dreimal so viele Passagiere wie ihr Vorgänger
Die XY-Aktie war der größte Verlierer im DAX
Die dunkle Materie ist Herrscher des Universums

Antwort

Guten Tag Herr G.,

es ist im Deutschen möglich und üblich, weibliche Substantive auf -in, die im Prinzip Personenbezeichnungen sind, auch für weibliche Sachbezeichnungen zu verwenden:

Antragstellerin ist die Universität
die Stadtverwaltung als Arbeitgeberin

Es ist ebenfalls möglich, die entsprechende männliche Bezeichnung zu verwenden:

Antragsteller ist die Universität
die Stadtverwaltung als Arbeitgeber

Die Zitate in Ihrer Frage sind also mit Vorgängerin, Verliererin und Herrscherin richtig formuliert, sie könnten aber auch mit Vorgänger, Verlierer und Herrscher stehen. Siehe auch hier und hier.

Diese Verwendung weiblicher Substantive auf -in hat ihren Ursprung übrigens nicht in der geschlechtergerechten Sprache. Es gab sie schon, bevor von Gendern die Rede war:

Allein die wahre Weisheit ist die Begleiterin der Einfalt.
Kant, Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik, 1766

Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin
Goethe, Die natürliche Tochter, 1803. 4. Akt, 2. Szene

Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin
Casanova (1725 – 1798), Memoiren. Vollständige Ausgabe in der Übertragung von Heinrich Conrad, 1911

Es könnte sein, dass die Aufmerksamkeit für die geschlechtergerechte Sprache dafür sorgt, dass diese Art der Formulierung häufiger vorkommt, doch dazu liegen mir leider keine Angaben vor. Mangelnde Information ist hier die Spielverderberin.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sich weglassen?

Es ist wahrscheinlich möglich, einen Kontext zu finden, in dem das Verb weglassen reflexiv verwendet wird, aber darum geht es hier nicht. Vielmehr fragt Herr D., ob man wiederholtes sich weglassen kann.

Frage

Können Wiederholungen von sich ausgelassen werden? Fantasiebeispiel:

…, sodass sie sich versammelten, (sich) manche darüber wunderten und einige (sich) auf den Weg machten

Antwort

Guten Tag Herr D.,

wiederholtes sich kann manchmal weggelassen werden:

Wackelaugen, die sich öffnen und schließen
Sie freute und ärgerte sich gleichzeitig
Sie versammelten und wunderten sich

Das ist aber nicht immer der Fall. Das Reflexivpronomen sich kann unter anderem dann nicht weggelassen werden, wenn es sich – anders als in den Beispielen oben – nicht auf dasselbe Subjekt bezieht.

In Satz a) bezieht sich sich immer auf dasselbe Subjekt, nämlich sie. Es kann dann zusammen mit dem Subjekt eingespart werden:

a) … sodass sie sich versammelten, _ darüber wunderten und _ auf den Weg machten

In Ihrem Beispiel bezieht sich sich auf verschiedene Subjekte, nämlich sie, manche und einige. Dann kann es nicht weggelassen werden:

b) … sodass sie sich versammelten, sich manche darüber wunderten und einige sich auf den Weg machten

Damit man den Unterschied auch richtig gut sieht, hier noch zwei einfachere (nicht unbedingt genderneutrale) Beispiele, in denen sich zusammen mit dem Subjekt ausgelassen werden kann:

Er wäscht und rasiert sich jeden Morgen
Sie wäscht und schminkt sich jeden Morgen

Aber nur mit Wiederholung von sich, wenn das Reflexivpronomen sich auf unterschiedliche Subjekte bezieht:

Er rasiert sich und sie schminkt sich jeden Morgen.
nicht: *Er rasiert und sie schminkt sich jeden Morgen.

Schlussfolgerung: Nicht immer lässt sich sich weglassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist sie einen Meter siebzig oder ein Meter siebzig groß?

Hier geht es natürlich nicht darum, wie groß Frau F. ist (zwischen einen Meter groß und ein Meter groß lässt sich schwerlich ein Größenunterschied feststellen), sondern darum, ob die Maßangabe im Nominativ oder im Akkusativ stehen sollte.

Frage

Ich habe folgenden Zweifel: Sagt man auf Deutsch „Ich bin einen Meter siebzig groß“ oder „Ich bin ein Meter siebzig groß“?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

am besten sagen und schreiben Sie:

Ich bin einen Meter siebzig groß.

Es handelt sich hier um einen Adverbialakkusativ oder adverbialen Akkusativ, der vor einiger Zeit im Zusammenhang mit Zeitangaben wie letzten Freitag, nächsten Sommer, jeden Monat oder den ganzen Tag schon einmal im Blog vorbeigekommen ist (siehe hier). Adverbiale Akkusative stehen auch bei den sogenannten Maßadjektiven. Hier ein paar Beispiele:

Unser Kind ist einen Monat alt
Der Stoff ist einen Meter breit
Die Mauern der Burg sind einen Meter dick
Die Kommode ist einen Meter zwanzig hoch
Die Insel ist gut einen Kilometer lang
Der Sack ist einen Zentner schwer
Das Loch ist einen halben Meter tief
Das ist keinen Euro wert

So weit so gut – und wenn Sie wenig Konsequentes nicht mögen, lesen Sie nun am besten nicht weiter.

Wenn man sich nämlich in die wirkliche Sprachlandschaft begibt, merkt man bald, dass diese Regel, wenn es überhaupt eine ist, nicht immer angewandt wird. Insbesondere dann, wenn das Maßadjektiv attributiv vor einem Substantiv steht, kommt neben a) der Akkusativform einen häufig auch b) ungebeugtes ein vor:

a) die einen Monat alten Kinder
b) die ein Monat alten Kinder

a) der einen Meter breite Stoff
b) der ein Meter breite Stoff

a) ein fast einen Zentner schwerer Sack
b) ein fast ein Zentner schwerer Sack

a) die einen Meter siebzig große Frau
b) die ein Meter siebzig große Frau

Ich würde auch hier immer die gebeugte Version a) empfehlen, wage es aber nicht, die häufig vorkommende ungebeugte Version b) als „falsch“ zu bezeichnen. Nicht gerade ein Musterbeispiel sprachlicher Konsequenz.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Alle[r] guten Dinge sind drei

Frage

„Aller guten Dinge sind drei.“ Warum hat „all“ die Endung „er“? „Dinge“ ist doch ein Nomen im Plural.

Antwort

Guten Tag Frau L.,

auch wenn der Satz so ohne ein Subjekt auskommen muss, heißt es tatsächlich aller guten Dinge und nicht alle guten Dinge:

Aller guten Dinge sind drei

Die Endung -er in aller ist hier die Endung des Genitivs Plural. Die Wortgruppe aller guten Dinge steht im Genitiv. Es handelt sich um einen sonst veralteten Genitiv in einer festen Redewendung mit der ungefähren Bedeutung: Von allen guten Dingen gibt es drei.

Was im heutigen Deutschen kaum mehr vorkommt, war früher weniger selten: das Verb sein mit einem partitiven Genitiv. Man verwendete es vor allem bei Zahlen:

Ihrer sind fünf
Seiner Begleiter waren zwanzig

Auch mit ungenauen Mengenangaben kam und kommt dieser Genitiv gelegentlich noch vor:

Der Fragen sind viele
Der Schwierigkeiten sind genug

Diese Art, das Verb sein mit einem partitiven Genitiv zu verbinden, kommt heute außer in (scherzhaft gemeintem) gehobenem Sprachgebrauch oder einer festen Wendung wie Aller guten Dinge sind drei kaum mehr vor.

Zu guter Letzt noch ein Beispiel, das besser zum gestrigen Dreikönigstag gepasst hätte:

Die heil’gen drey König‘ sind kommen allhier,
Es sind ihrer drey und sind nicht ihrer vier; …
Goethe, Epiphaniasfest

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Um seiner/seines selbst willen?

Frage

Die Präposition „willen“ steht mit dem Genitiv:

Er hat es um seines Bruders willen getan
des lieben Friedens willen
um ihrer selbst willen
um seiner selbst willen

Warum ist um „um seines selbst willen“ nicht korrekt?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

dass man nicht um seines selbst willen, sondern um seiner selbst willen sagt, sah ich zwar auch gleich, aber die Erklärung dafür, warum das so ist, hatte ich nicht auf Anhieb parat. Es hat damit zu tun, dass man sich nicht bei der Wahl der Wortart vergreifen sollte.

Es geht hier nämlich um das Reflexivpronomen und nicht um das Possessiv sein oder ihr. Der Genitiv des Reflexivpronomens sich ist seiner/ihrer:

für sich selbst
sich selbst zuliebe
um seiner/ihrer selbst willen

Hier ist selbst also nicht der Kern der Wortgruppe mit einem vorangestellten Possessiv, sondern eine dem Reflexivpronomen nachgestellte Bestimmung.

Es ist übrigens nicht völlig ausgeschlossen, die Rollen hier umzudrehen. Dann wird selbst zur großzuschreibenden Substantivierung Selbst (Genitiv: des Selbst), und sein/ihr ist ein Possessiv (Genitiv Neutrum Singular: seines/ihres):

für sein/ihr Selbst
seinem/ihrem Selbst zuliebe
um seines Selbst willen

Um der Vollständigkeit willen sei gesagt, dass um seines Selbst willen grammatisch zwar möglich, in der Sprachrealität aber nicht üblich ist. Üblich und gemeint ist in den allermeisten Fällen um seiner selbst willen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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»Heute Abend« in »das geheime Treffen heute Abend« – Adverbialbestimmung oder Attribut?

Wer die Satzanalyse mag, findet das Folgende vielleicht interessant:

Frage

Wenn die Satzglieder so richtig bestimmt sind:

Das geheime Treffen (Subjekt) beginnt (Prädikat) heute Abend (adv. Bestimmung) in Franks Keller (adv. Bestimmung).

wie liegt der Fall dann hier?

Das geheime Treffen in Franks Keller beginnt heute Abend.
Das geheime Treffen heute Abend beginnt in Franks Keller.

Ist jetzt „das geheime Treffen in Franks Keller“ bzw. „das geheime Treffen heute Abend“ ein verlängertes Subjekt, da sich vor dem Prädikat ja nur ein Satzglied befinden darf? Und wenn ja, wie verhält es sich dann in diesem Fall mit „in Franks Keller“?

Heute Abend beginnt das geheime Treffen in Franks Keller.

[…]

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau S.,

die Satzglieder sind im ersten Satz korrekt bestimmt:

Das geheime Treffen = Subjekt
beginnt = Prädikat
heute Abend= adverbiale Bestimmung
in Franks Keller = adverbiale Bestimmung

Auch im Weiteren sind Sie auf der richtigen Spur. Die Wortgruppen „heute Abend“ und „in Franks Keller“ können nämlich nicht nur eigenständige Adverbialbestimmung sein, sondern auch Attribut (nähere Bestimmung) zu einem Substantiv. Dann sind sie kein Satzglied mehr, sondern „nur“ Teil eines Satzgliedes. In Ihren Beispielen sind sie Teil des Subjekts:

Das geheime Treffen in Franks Keller = Subjekt
beginnt = Prädikat
heute Abend = adverbiale Bestimmung

Das geheime Treffen heute Abend = Subjekt
beginnt = Prädikat
in Franks Keller = adv. Bestimmung

Und bei der folgenden Satzstellung sind zwei Analysen möglich:

Heute Abend beginnt das geheime Treffen in Franks Keller.

Heute Abend = adverbiale Bestimmung
beginnt = Prädikat
das geheime Treffen in Franks Keller = Subjekt
Aussage: Was beginnt heute Abend? – Das geheime Treffen in Franks Keller

Heute Abend = adverbiale Bestimmung
beginnt = Prädikat
das geheime Treffen = Subjekt
in Franks Keller = adverbiale Bestimmung
Aussage: Wo beginnt heute Abend das geheime Treffen? – In Franks Keller

Auch andere Präpositionalgruppen und Adverbien können sowohl a) Adverbialbestimmung als auch b) Teil einer Nomengruppe sein (vgl.hier und hier):

a) Die Sitzung dauerte gestern lange.
b) Die Sitzung gestern dauerte lange.

a) Den Tisch in der Ecke könnt ihr dort stehen lassen.
b) Den Tisch könnt ihr in der Ecke stehen lassen.

a) Kuchen schmeckt mir mit Schlagsahne am besten.
b) Kuchen mit Schlagsahne schmeckt mir am besten.

Wie man an den Beispielen sieht, sind nicht nur die Stellung und die Rolle im Satz unterschiedlich, sondern in größerem oder geringerem Maße auch die Bedeutung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Sollte gemacht haben vs. hätte machen sollen

Frage

Könnten Sie mir vielleicht den semantischen Unterschied erklären zwischen „Ich sollte es schon gemacht haben“ und „Ich hätte es schon machen sollen“? Etwa wenn man ein Visum nach Russland beantragt und sich die Frage stellt, ob man bei der Anfrage das Hotel etc. „schon gebucht haben sollte“ oder „schon hätte buchen sollen“.

Antwort

Guten Tag Herr S,,

es gibt hier einen Bedeutungsunterschied, es ist aber nicht einfach, ihn auf Anhieb zu erkennen. Grob gesagt geht es darum, wann die durch sollen ausgedrückte „Verpflichtung“ besteht und wie sich das „Verpflichtete“ zeitlich dazu verhält. Spielen wir einmal theoretisch alle Möglichkeiten durch:

  1. Ich sollte es machen
    „Verpflichtung“ in der Gegenwart, etwas  zu machen
  2. Ich sollte es gemacht haben
    „Verpflichtung“ in der Gegenwart, etwas  gemacht zu haben
  3. Ich hätte es machen sollen
    „Verpflichtung“ in der Vergangenheit, etwas zu machen
  4. Ich hätte es gemacht haben sollen
    „Verpflichtung“ in der Vergangenheit, etwas gemacht zu haben

Ihre Beispielsätze entsprechen den Formulierungen b und c.

Wenn man (b) das Hotel schon gebucht haben sollte, hat man in der Gegenwart die „Verpflichtung“, die Buchung vorgenommen zu haben. Wenn man (c) das Hotel schon hätten buchen sollen hat in der Vergangenheit die „Verpflichtung“ bestanden, die Buchung vorzunehmen.

Die Sache wird vielleicht dadurch schwieriger zu durchblicken, dass der Konjunktiv sollte zwar aussieht wie eine Vergangenheitsform, aber eine gegenwärtige Verpflichtung ausdrückt. Vgl. eine ähnliche Formulierung mit müssen:

  1. Sie müssten das Hotel schon gebucht haben.
  2. Sie hätten das Hotel schon buchen müssen.

Hier sieht man vielleicht etwas besser, dass eine irreale gegenwärtige Verpflichtung, etwas getan zu haben, und eine irreale vergangene Verpflichtung, etwas zu tun, zwar nicht dasselbe sind, hier aber mehr oder weniger auf das Gleiche hinauslaufen. Sehr groß ist der eingangs angekündigte Bedeutungsunterschied also nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die Formulierungen mit sollte und müsste können je nach Kontext auch als Annahme oder Vermutung verstanden werden, vgl. hier und hier. Das ist aber eine ganz andere Frage.

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Über die Fähigkeit des Fliegens und den Genitivus definitivus

Der im Titel genannte Genitivus definitivus ist nicht, wie man seinem Namen nach vermuten könnte, der endgültige Genitiv. Mit definitivus ist definierend, erklärend gemeint.

Frage

Ich habe das Problem, dass ich nicht weiß, ob ich bei folgendem Begriff den Artikel verwenden kann oder nicht. Es geht jeweils um die Fähigkeit Soundso:

die Fähigkeit Fliegen
die Fähigkeit Transport

[…] Können nun diese Fähigkeiten auch mit Artikel geschrieben werden? Also:

die Fähigkeit des Fliegens
die Fähigkeit des Transports

Mit der Fähigkeit des Fliegens ist gemeint, dass z. B. der Vogel die Fähigkeit Fliegen besitzt. Mit der Fähigkeit des Transports ist gemeint, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann. […]

Die Problematik besteht nun darin, dass die Formulierung „die Fähigkeit des Fliegens“ aussagt, dass das Fliegen an sich eine Fähigkeit hat, statt selbst eine Fähigkeit zu sein, und „die Fähigkeit des Transports“ aussagt, dass Transport eine Fähigkeit hat. Es ist aber nicht so, sondern in dem Kontext, dass z. B. der Vogel die Fähigkeit Fliegen besitzt. […]

Antwort

Guten Tag Herr D.,

es gibt verschiedene Möglichkeiten, das auszudrücken, was Sie aussagen möchten.

a) die Fähigkeit zu fliegen; die Fähigkeit zu transportieren
b) die Fähigkeit des Fliegens; die Fähigkeit des Transportierens
c) die Fähigkeit Fliegen; die Fähigkeit Transportieren

Die Formulierung a) ist die einfachste und „natürlichste“. Sie kann auch mit Kommas geschrieben werden:

Der Vogel hat die Fähigkeit[,] zu fliegen.
Mit der Fähigkeit[,] zu transportieren[,] besteht darin, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann.

Auch mit der Formulierung b) wird das ausgedrückt, was Sie aussagen möchten. Ihre Interpretation des Genitivs trifft hier nämlich nicht zu. Der Genitiv hat nicht immer die Funktion, ein Besitzverhältnis (im weiteren Sinne) auszudrücken. Er kann auch andere Funktionen haben (vgl. z. B. hier). In diesem Fall geht es um den Genitivus definitivus oder Genitivus explicativus, der ein „Ist-Verhältnis“ ausdrückt.:

das Verbrechen des Mordes
= Mord ist ein Verbrechen; nicht: Der Mord hat ein Verbrechen

die Last der Armut
= Die Armut ist die Last; nicht: Die Armut hat eine Last

das Problem der Einsamkeit
= Die Einsamkeit ist das Problem; nicht: Die Einsamkeit hat das Problem

die Fähigkeit des Fliegens
= Das Fliegen ist die Fähigkeit; nicht: Das Fliegen hat eine Fähigkeit

Mit Die Vögel haben die Fähigkeit des Fliegens wird also ausgesagt, dass die Vögel fähig sind, zu fliegen, und mit die Fähigkeit des Transportierens ist die Fähigkeit, etwas zu transportieren, gemeint.

Der Vogel hat die Fähigkeit des Fliegens.
Mit der Fähigkeit des Transportierens besteht darin, dass man Dinge von einem Ort zum nächsten bewegen kann.

Dann noch der Vollständigkeit halber: Die Formulierung c) ist ebenfalls möglich. Sie passt vor allem in einen fachsprachlichen Zusammenhang.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Bis zum 9. November wird meine „Fähigkeit des Antwortens“ sehr eingeschränkt sein. Ich habe ab morgen Urlaub.

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Deren, dessen und die Stellung des Verbs

Die Wörtchen deren und dessen sorgen immer wieder für Unsicherheiten. Oft lautet die Frage, welche Form man wählen soll (zum Beispiel hier) oder wie ein nachfolgendes Adjektiv gebeugt wird (zum Beispiel hier). Bei der Frage von Frau N. geht es aber um etwas anderes: Funktion des Pronomens und Stellung des Verbs.

Frage

Ich habe eine Frage zur Stellung des Verbes in Nebensätzen mit „dessen“. Das Relativpronomen im Genitiv leitet einen Nebensatz ein, der eigentlich die Stellung des Verbes an den Schluss erfordert. Zum Beispiel:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte ich mag.

Wenn das Verb vor dem Subjekt steht, hört sich der Satz meiner Meinung nach bei Verben, die mit „mögen/nicht mögen“ oder „lieben/hassen“ zu tun haben, aber nicht falsch an, also:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfum, dessen Duft hasse ich.

Oder auch:

Das sind Kollegen, deren Kinder kenne ich.

Mit anderen Verben funktioniert diese Umstellung nicht. Ist die Umstellung grundsätzlich falsch bzw. schlechtes Deutsch?

Antwort

Guten Tag Frau N.,

das Wort dessen kann, wie Sie in Ihrer Frage erwähnen, ein Relativpronomen sein. Es leitet einen Nebensatz ein, in dem die konjugierte Verbform am Schluss steht:

In meinem Garten steht ein Baum, dessen Früchte ich mag.
Die Frau trägt ein Parfüm, dessen Duft ich hasse.
Das sind Kollegen, deren Kinder ich kenne.

Im Relativsatz wird etwas Genaueres über den Garten, die Frau bzw. die Kollegen ausgesagt.

Man kann dessen und deren aber nicht nur als Relativpronomen, sondern auch als Demonstrativpronomen verwenden:

In meinem Garten steht ein Baum. Dessen Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfüm. Dessen Duft hasse ich.
Das sind Kollegen. Deren Kinder kenne ich.

Hier wird im zweiten Satz, einem Hauptsatz, etwas Genaueres über die Früchte, den Duft bzw. die Kinder ausgesagt. Es ist dabei üblicher (aber nicht zwingend), einen Punkt zwischen die beiden Hauptsätze zu setzen. Im Gegensatz zu den Relativsätzen können die mit dem Demonstrativpronomen formulierten Sätze auch umgestellt werden. Das Demonstrativpronomen muss also nicht am Anfang des Satzes stehen:

In meinem Garten steht ein Baum. Ich mag dessen Früchte.
Die Frau trägt ein Parfüm. Ich hasse dessen Duft.
Das sind Kollegen. Ich kenne deren Kinder.

Weiter kann das Demonstrativpronomen anders als das Relativpronomen durch ein Possessiv ersetzt werden:

In meinem Garten steht ein Baum. Seine Früchte mag ich.
Die Frau trägt ein Parfüm. Seinen Duft hasse ich.
Das sind Kollegen. Ihre Kinder kenne ich.

Das Ganze funktioniert übrigens auch bei anderen Verben. In diesen Sätzen steht das Relativpronomen:

M. K. ist eine britische Autorin, deren Bücher weltweit verkauft werden.
Sie fuhren in einem roten Auto, dessen Marke hier nicht genannt werden soll.

Und hier wird das Demonstrativpronomen verwendet:

M. K. ist eine britische Autorin. Deren Bücher werden weltweit verkauft.
Sie fuhren in einem roten Auto. Dessen Marke soll hier nicht genannt werden.

M. K. ist eine britische Autorin. Ihre Bücher werden weltweit verkauft.
Sie fuhren in einem roten Auto. Hier soll seine Marke nicht genannt werden.

Beide Verbstellungen sind also möglich und korrekt. Die Satzstruktur ist aber unterschiedlich und die Aussage ist auch nicht ganz gleich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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