Archiv für Konjugation/Deklination

Liebe bisherige … – auch in Anreden wird parallel gebeugt

Frage

Heißt es korrekt: „Liebe bisherige Gemeinderäte“ oder „Liebe bisherigen Gemeinderäte“?

Antwort

Guten Tag Herr E.,

richtig ist hier die sogenannte parallele Beugung. „Parallel“ bedeutet, dass aufeinanderfolgende Adjektive gleich gebeugt werden, also dieselbe Endung haben (mehr dazu hier):

die gute alte Zeit
in der guten alten Zeit

leckeres frischgebackenes Brot
das leckere frischgebackene Brot.

ein grüner, schleimiger Frosch
der grüne, schleimige Frosch

neue, originelle, alle überzeugende Konzepte
diese neuen, originellen, alle überzeugenden Konzepte

Die parallele Beugung gilt auch bei Anreden in Briefen u. Ä.:

Liebe bisherige Gemeinderäte,
Sehr geehrte neue Mitbürgerinnen und Mitbürger,
Mein lieber kleiner Bruder,

Bei substantivierten Adjektiven sollte ebenfalls parallel gebeugt werden (auch wenn man häufig anderes antrifft):

Liebe Auszubildende,*
Liebe ehemalige Studierende,*
Sehr geehrte Beamtinnen und Beamte,

Wenn Sie davon ausgehen, dass aufeinanderfolgende Adjektive (und substantivierte Adjektive) immer dieselbe Endung haben, ist es eigentlich ganz einfach.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Diese Anreden können sich sowohl an eine Frau als auch an mehrere Personen richten. Was gemeint ist, ergibt sich aus dem allgemeinen Kontext. Es ist also nicht notwendig, deswegen entgegen den Grammatikregeln auf die Endung en auszuweichen.

Kommentare

Richtung Landesinnere/Landesinnerem/Landesinneres?

Frage

Ich wüsste gern, warum folgende Phrase richtig ist:

von der Ostküste Richtung Landesinnere

Bei von der Ostküste ist von + Dativ ok. Wie ist es aber bei Richtung LandesinnerE? Das ist die Endung des Akkusativs oder Nominativs Singular der schwachen Adjektivdeklination. Wieso?

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau H.,

Ihr Zweifel ist berechtigt, denn die Formulierung ist so, wie Sie sie zitieren nicht richtig oder nicht üblich. Üblich ist hier:

von der Ostküste Richtung Landesinneres

Wenn Richtung – eher umgangssprachlich – allein ähnlich wie eine Präposition verwendet wird, steht es meist vor einem einfachen Namen oder der Angabe einer Himmelsrichtung:

Richtung Dresden
Richtung Italien
Richtung Osten

Wenn unmittelbar ein Adjektiv oder adjektivisch gebeugtes Substantiv folgt, verwendet man den Nominativ, und zwar die stark gebeugte Form, so wie es bei Adjektiven ohne vorangehendes gebeugtes Artikelwort üblich ist:

Richtung Indischer Ozean
Richtung Neuer Markt
Richtung altes Rathaus
Richtung Landesinneres

Nicht richtig ist hier übrigens der Dativ, der nach Richtung ebenfalls gelegentlich anzutreffen ist:

nicht: *Richtung Indischem Ozean
nicht: *Richtung Landesinnerem

In formelleren, standardsprachlichen Texten verwendet man übrigens eher Formulierungen mit in Richtung wie die folgenden:

in Richtung Dresden/Osten
in Richtung des Indischen Ozeans
in Richtung des alten Rathauses
in Richtung des Landesinneren

Kurzum, von der Ostküste geht es eher umgangssprachlich kurz Richtung Landesinneres oder standardsprachlich lieber etwas länger in Richtung des Landesinneren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Geografische Namen und ihr Genitiv-s: „des modernen Europa(s)“

Frage

Ich bin unsicher beim Gebrauch des Genitiv-s bei Ländernamen, die mit einem Attribut daherkommen. Beispiel:

Die ständische Rechtsordnung des historischen Ungarn ist aus Kompromissen entstanden.

Würden dort Artikel und Attribut nicht stehen, wäre der Fall klar: Ungarns. Aber so …? Mir wäre in dem Fall das „s“ lieber, doch man liest es heutzutage sehr oft auch ohne. Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr G.,

geografische Namen, die in der Regel ohne Artikel verwendet werden, haben im Genitiv immer ein s:

die Geschichte Europas
die Reisterrassen Balis
die Rechtsordnung Ungarns

Wenn solche geografische Namen ein Attribut bei sich haben, stehen sie mit Artikel. Dann fällt im Genitiv die Endung s häufig aus. Das ist auch standardsprachlich üblich (vgl. hier). Richtig ist also beides:

die Geschichte des modernen Europas
die Geschichte des modernen Europa

die Reisterrassen des geheimnisvollen Balis
die Reisterrassen des geheimnisvollen Bali

die Rechtsordnung des historischen Ungarns
die Rechtsordnung des historischen Ungarn

Dies gilt auch dann, wenn das Attribut nachgestellt ist. Dann scheinen aber die Formen mit Endung noch häufiger vorzukommen:

das Konzept des Europas der Regionen
das Konzept des Europa der Regionen

die Romantik des Wiens der Jahrhundertwende
die Romantik des Wien der Jahrhundertwende

Wenn Ihnen die Variante mit s lieber ist, können Sie diese also problemlos verwenden. Die Variante ohne s gilt aber ebenfalls als korrekt.

Bei den Personennamen ist diese Entwicklung übrigens schon viel weiter fortgeschritten. Sie werden im heutigen Deutschen nur noch endungslos verwendet, wenn sie einen Artikel und ein Adjektiv bei sich haben:

die Dramen des jungen Goethe
das Spielzeug des kleinen Joachim
die Geschichte des selbstverliebten Felix Krull

(Bei weiblichen Namen war das Genitiv-s hier sowieso nie üblich: das Leben der heiligen Elisabeth, auf den Spuren der mächtigen Kleopatra).

Es gibt also eine Tendenz, bei Eigennamen das Genitiv-s wegzulassen, wenn sie mit einem Artikel stehen. Wie die Beispiele oben zeigen, ist diese Tendenz noch unterschiedlich weit fortgeschritten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Des Fragilen-X-Syndroms oder des Fragiles-X-Syndroms?

Frage

Es geht um den medizinischen Begriff „Fragiles-X-Syndrom“. Im Text, den ich bearbeite, wird das Adjektiv immer mitdekliniert, also „dem Fragilen-X-Syndrom“, „das Fragile-X-Syndrom“, „des Fragilen-X-Syndroms“ usw., und dies nicht nur im mir vorliegenden Text, sondern auch im Ärzteblatt und auf der […]-Website.

Aber die Beugung des Adjektivs ist doch nicht korrekt. Oder liege ich hier völlig falsch?

Antwort

Mit Fragiles-X-Syndrom wird eine Erbkrankheit bezeichnet, die durch eine genetische Veränderung auf dem X-Chromosom verursacht wird. Fragil ist nicht das Syndrom, sondern das X. Es ist das Syndrom des fragilen X. Die Zusammensetzung hat also diese Struktur:

fragiles X + Syndrom

Nach dieser Analyse ist die Beugung des Adjektivs tatsächlich nicht richtig, denn fragiles bezieht sich nicht auch Syndrom oder X-Syndrom, sondern nur auf X. Korrekt ist deshalb:

das Fragiles-X-Syndrom
dem Fragiles-X-Syndrom
des Fragiles-X-Syndroms

Zusammensetzungen mit einem Adjektiv mit Endung an erster Stelle sind im Deutschen sehr selten. Wenn Sie vorkommen, werden Sie häufig so gebeugt, wie wenn sich das Adjektiv auf den Wortkern und nicht nur auf das vor ihm stehende Substantiv beziehen würde. Das führt zu den Formen, die Sie in Ihrer Frage angeben:

das Fragile-X-Syndrom
dem Fragilen-X-Syndrom
des Fragilen-X-Syndroms

Ich zögere, diese Formen als wirklich falsch zu bezeichnen. Sie sind zwar rein formal betrachtet nicht korrekt. Sie klingen aber auf Anhieb natürlicher und sind, wie ein kurzer Blick ins Netz zeigt, viel üblicher als die Formen mit Fragiles-. Dies gilt auch für Fachtexte.

Auch bei zum Beispiel Saure-Gurken-Zeit (saure Gurken + Zeit) und Rote-Armee-Fraktion (Rote Armee + Fraktion) kommen häufig Formen vor, bei denen das Adjektiv gebeugt wird, obwohl es sich nicht auf den Wortgruppenkern bezieht:

der Sauren-Gurken-Zeit statt der Saure-Gurken-Zeit
der Roten-Armee-Fraktion statt der Rote-Armee-Fraktion

Auch hier werden die rein formal nicht korrekten Formen häufig als „alltagssprachlich“ toleriert (vgl. hier).

Wenn Sie im Text, den Sie bearbeiten, das Fragile-X-Syndrom und des Fragilen-X-Syndroms überall in das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms umändern, haben Sie zwar formal recht, es könnte aber sein, dass die Fachleute, die diesen Begriff in ihrem Beruf verwenden, nicht damit einverstanden sind. Und wer hat dann recht, die theoretische Grammatik oder der praktische Gebrauch? Ich würde für das Fragiles-X-Syndrom und des Fragiles-X-Syndroms plädieren, aber ich bin halt ein „Sprachler“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Passiv Futur II mit Modalverb

So kompliziert sich Passiv Futur II mit Modalverb (oder wie man diese Konstruktion nennen will) anhört, so kompliziert ist es auch, die so genannte Form zu bilden.

Frage

Für das Futur II im Passiv mit Modalverb gibt es im Internet verschiedene Formangaben:

1) Der Mann wird haben operiert werden müssen.
2) Der Mann wird operiert haben werden müssen.
3) Der Mann wird operiert worden sein müssen.

Es ist mir bewusst, dass wir das Futur II im Alltag eher selten verwenden. Wir benötigen jedoch die grammatikalische Form für den Test. Könnten Sie mir bitte helfen.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Passiv Futur II mit Modalverb wird im Alltag nicht „eher selten“, sondern kaum je verwendet. Entsprechend ist es meiner Meinung wenig sinnvoll, diese Form in einem Test zu verwenden. Die meisten Deutschsprechenden können sie, wenn überhaupt, nur nach langem Zögern und viel Zweifeln bilden. Um sicherzugehen, muss auch ich diese Form herleiten, denn spontan verhasple ich mich in all den Verbformen. Da Sie die Frage aber gestellt haben, versuche ich sie zu beantworten:

Das Passiv Futur II von operieren mit dem Modalverb müssen lautet:

Der Mann wird haben operiert werden müssen.

Nun zur Herleitung der Form: Bei Modalverbkonstruktionen wird ein Modalverb mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Fangen wir mit der Aktivform operieren an, weil das die Erklärung etwas einfacher macht:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Was beim Futur II auffällt, ist die Stellung von haben am Anfang der abschließenden Verbgruppe. Sie lässt sich wie folgt erklären: Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv eines Modalverbs enthält (hier müssen statt gemusst) wird das Hilfsverb haben vor die abschließende Verbgruppe gestellt:

… weil er den Mann hat operieren müssen (nicht: *operieren müssen hat)
… obwohl sie hat kommen wollen (nicht: *kommen wollen hat)
… dass ich nicht habe ausgehen dürfen (nicht: *ausgehen dürfen habe)

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst ein Infinitiv ist:

… weil er den Mann wird haben operieren müssen
… obwohl sie würde haben kommen wollen
… dass ich nicht werde haben ausgehen dürfen

Das gilt auch in einem Hauptsatz:

Er wird den Mann haben operieren müssen
Sie würde haben kommen wollen
Ich werde nicht haben ausgehen dürfen

Eine Modalverbkonstruktion sieht also wie folgt aus:

Präsens: Er muss x-en
Perfekt: Er hat x-en müssen
Futur: Er wird x-en müssen
Futur II: Er wird haben x-en müssen

Weiter oben haben wir schon einmal den Infinitiv operieren für x-en eingesetzt:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Das sind die Formen des Aktivs. Für die Formen des Passivs muss der Infinitiv Passiv operiert werden eingesetzt werden:

Präsens: Er muss operiert werden
Perfekt: Er hat operiert werden müssen
Futur: Er wird operiert werden müssen
Futur II: Er wird haben operiert werden müssen

Mit diesem Vorgehen lässt sich das Passiv Futur II mit Modalverb sozusagen theoretisch errechnen, denn verwendet wird es eigentlich nie. Das kann der Grund dafür sein, dass Sie im Internet auch andere Formen finden. In der Grammatik gilt letztlich, dass richtig ist, was üblich ist. Es ist nicht möglich, hier zu sagen, was wirklich üblich ist.

Üblich ist hier vielmehr (das Futur II dient ja hauptsächlich dazu, eine Vermutung auszudrücken):

Er hat wahrscheinlich operiert werden müssen
Man hat ihn vermutlich operieren müssen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Würde der Patient operiert oder würde der Patient operiert werden? – Konjunktiv II im Passiv

Frage

Wir lernen zurzeit den Konjunktiv II – kein einfaches Thema. Jetzt sind wir sogar beim Konjunktiv II im Passiv angekommen und zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass im Internet verschiedene Varianten des Konjunktivs II Passiv Präsens angegeben werden. So sieht man „Das Tor würde nun geschlossen werden“, aber auch „Der Mann würde vom Arzt operiert“. Gehört das „werden“ nicht als Zeichen der Passivform unbedingt dazu?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die schnelle Antwort lautet: Beides kommt vor, aber einfaches würde ist besser. Für eine genauere Antwort muss ich etwas weiter ausholen.

Im Konjunktiv II verwendet man standardsprachlich vor allem dann die würde-Formen, wenn die eigentlichen Formen des Konjunktivs II sich nicht von den Formen des Indikativs unterscheiden:

Ich hätte Zeit (nicht: Ich würde Zeit haben)
Ich wäre bereit (nicht: Ich würde bereit sein)
Ich sähe noch andere Möglichkeiten (besser nicht: Ich würde noch andere Möglichkeiten sehen)
Ich ginge lieber etwas früher (besser nicht: Ich würde lieber etwas früher gehen)

Wenn aber die Formen des Konjunktivs II und des Indikativs Präteritum identisch sind, werden auch in der Standardsprache die würde-Formen verwendet (vgl. hier):

Der Arzt würde ihn operieren (statt: Der Arzt operierte ihn)
Ich würde gerne deine Meinung hören (statt: Ich hörte gerne deine Meinung)
Ich würde noch nicht heizen (statt: Ich heizte noch nicht)
Die Lehrerin würde den Text korrigieren (statt: Die Lehrerin korrigierte den Text)

Der Konjunktiv II von werden ist würde. Diese Form unterscheidet sich vom Indikativ Präteritum wurde. Deshalb ist es eigentlich besser, nicht die würde-Form würde werden zu verwenden:

Indikativ: Der Mann wird vom Arzt operiert
Konjunktiv II: Der Mann würde vom Arzt operiert

Indikativ: Das Tor wird jetzt geschlossen
Konjunktiv II: Das Tor würde jetzt geschlossen

Diese Regeln werden allerdings nicht immer so streng beachtet, das heißt, auch würde werden kommt häufig vor, offensichtlich sogar in Grammatiktabellen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Konjunktiv II von werden mit dem Hilfsverb für die Ersatzform des Konjunktivs II identisch ist: würde. Es ist deshalb schwierig, „alles auseinanderzuhalten“.

Zusammenfassend: Beide Formen kommen vor, und dies in der Regel ohne Bedeutungsunterschied:

Der Patient würde vom Arzt operiert, wenn er Dienst hätte
Der Patient würde vom Arzt operiert werden**, wenn er Dienst hätte

Wenn schon alle eingetroffen wären, würde das Tor jetzt geschlossen
Wenn schon alle eingetroffen wären, würde das Tor jetzt geschlossen werden

Die zweite Form ist nicht falsch, ich halte aber die erste für stilistisch besser (nur schon weil sie einfacher ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Rein Formal ist die Form würde operiert werden eigentlich ein Futur:

Indikativ: Der Patient wird vom Arzt operiert werden
Konjunktiv II: Der Patient würde vom Arzt operiert werden

Kommentare

Knifflige Adjektivbeugung: „dessen eines fehlende[s?] Bein“

Keine Angst, hier werden keine Insekten gequält, Frösche seziert oder frankensteinsche Monster zusammengesetzt. Es geht nur um ein fehlendes Tischbein und die Adjektivbeugung.

Frage

Ich habe mal wieder eine knifflige Frage und komme leider nicht weiter. Ist der folgende Satz grammatikalisch richtig?

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Ich bin der Meinung, es müsste „… dessen eines fehlende Bein ersetzt …“ heißen.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

die Antwort ist einfach: Der Satz ist mit dessen eines fehlendes Bein richtig formuliert. Etwas schwieriger ist die Erklärung, weshalb das so ist. Es geht um die Adjektivbeugung nach dessen und ein Zahlwort, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Auch wenn eines wie ein unbestimmter Artikel aussieht, ist es hier ein Zahlwort, das wie ein Adjektiv gebeugt wird. Es kann wie ein Adjektiv starke und schwache Endungen annehmen:

schwache Endung:
das eine Bein
dieses eine Bein
der eine Traum
dieser eine Traum

starke Endung:
sein eines Bein
dessen eines Bein
sein einer Traum
dessen einer Traum

Wie die Beispiele zeigen, wird ein Adjektiv – und in diesem Fall das Zahlwort ein… – nach dessen wie nach zum Beispiel sein stark gebeugt (vgl. hier und hier)

Das gilt auch auch für ein nachfolgendes Adjektiv, das heißt, ein weiteres Adjektiv wird gleich gebeugt (parallele Beugung):

schwache Endung:
das eine fehlende Bein
dieses eine fehlende Bein
der eine große Traum
dieser eine große Traum

starke Endung:
sein eines fehlendes Bein
dessen eines fehlendes Bein
sein einer großer Traum
dessen einer großer Traum

Der Satz ist also so, wie Sie in zitiert haben, richtig formuliert:

Unruhig flackernde Kerzen standen auf einem Tisch, dessen eines fehlendes Bein durch einen Stapel Bücher ersetzt worden war.

Es ist aber nicht sehr erstaunlich, dass Sie hier ins Zweifeln geraten sind. Formulierungen wie diese kommen nur selten vor. Weiter werden bei der Beugung von Adjektiven nach dessen und deren viele unsicher. Und wenn man dann einmal angefangen hat, darüber nachzudenken, hilft es nicht viel, dass eines ein Zahlwort ist, das wie ein Artikel aussieht und sich wie ein Adjektiv verhält.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Voll der Gnaden, Friede auf Erden und der Welten Lohn

Auch wenn der Titel es vielleicht nahelegt, geht es nicht um theologische Fragen. Es geht nur ganz weltlich darum, ob Gnaden, Frieden und Welten hier im Plural oder im Singular stehen.

Frage

Meine Frage betrifft die Formulierung „voll der Gnaden“, wie man sie in älteren Übersetzungen des Ave Maria findet (wohingegen heute meist „voll der Gnade“ verwendet wird). Meine Frage ist, was für eine Form „der Gnaden“ hier genau ist. Nach „voll“ steht ja bekanntlich Genitiv, also bleibt eigentlich nur die Frage nach dem Numerus. Nach moderner Morphologie wäre „der Gnaden“ eindeutig Plural, aber die Verwendung von „Gnade“ im Plural scheint mir sehr unüblich und im Lateinischen steht ja auch „gratia plena“ und nicht „gratiis plena“. […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei der Form Gnaden in älteren Texten und Wendungen ist es oft schwierig, zu entscheiden, ob es sich um eine Pluralform oder eine Singularform handelt. Einerseits wurde und wird das deutsche Gnade häufiger im Plural verwendet als das lateinische gratia. Andererseits wechselte Gnade zum Teil zur schwachen Deklination, das heißt, die Form Gnaden wurde auch als Singularform verwendet. Es ist deshalb schwierig, zu beurteilen, ob es sich bei Gnaden in voll der Gnaden um einen Plural oder einen Singular handelte. Im heutigen Deutschen kann es nur noch eine Pluralform sein, was die neueren Übersetzungen von gratia plena mit voll der Gnade erklärt. Mehr dazu lesen Sie zum Beispiel im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Eintrag Gnade, Punkt 5) und 6).

Gnade ist nicht das einzige weibliche Substantiv, dass auch im Singular mit schwachen Endungen verwendet wurde. Solche Formen haben noch in einigen Wendungen, Gedichten, Gebeten usw. „überlebt“:

von Gotten Gnaden
Friede auf Erden
dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
auf Seiten der Gegenpartei
von Seiten der Klägerin
Undank ist der Welten Lohn

So viel von Seiten des Blogautors zur Formulierung voll der Gnaden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Ist oder sind es zwei Jahre her?

Frage

Warum sagt man: „Es ist zwei Jahre her“, und nicht: „Es sind zwei Jahre her“? Ist das Subjekt in diesem Satz nicht das Satzglied „zwei Jahre“?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

die üblichste und akzeptierte Ausdrucksweise ist:

Es ist zwei Jahre her
Es ist einen Monat her

Man kann die Formulierung so analysieren:

es = Subjekt
ist her (liegt zurück) = Prädikat
zwei Jahre/einen Monat = adverbiale Bestimmung der Zeit  (im Akkusativ)

Das Subjekt es steht dabei stellvertretend für etwas vorher Gesagtes oder einen folgenden Nebensatz. Das erklärt den Singular des Verbs:

Es ist zwei Jahre her, dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe.
Dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe, ist zwei Jahre her.
Unser letztes Treffen ist zwei Jahre her.

Die Verbindung her sein wird also wie (zeitlich) zurückliegen verwendet.

Die folgende Art der Formulierung kommt aber auch vor:

Es sind zwei Jahre her
Ein Monat ist es her

Hier wird ist her wie ist in einem Gleichsetzungssatz verwendet (vgl. hier) und her sein hat die Bedeutung vergangen sein:

es = Subjekt/Prädikativ
sind/ist her ( sind/ist vergangen) = Prädikat
zwei Jahre/ein Monat = Prädikativ/Subjekt (im Nominativ)

Ob es zwei Jahre her ist oder zwei Jahre her sind, hängt davon ab, ob her sein wie zurückliegen oder ähnlich wie vergangen sein verwendet wird. Ich empfehle die erste Formulierung (Es ist zwei Jahre / einen Monat her).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (5)

Ist oder sind tausendundeine Melodie in meinen Kopf?

Ist oder sind tausendundeine Melodie in meinen Kopf?

Frage

Was ist grammatikalisch richtig:

In meinem Kopf SIND tausendundeine Melodie
In meinem Kopf IST tausendundeine Melodie

Danke für Ihre schnelle Hilfe!

Antwort

Guten Tag Frau B.,

wieder einmal lautet die Antwort: Beides ist richtig.

Das Zahlwort tausendundein kann vor einem Substantiv ungebeugt bleiben. Dann steht das Substantiv im Plural:

tausendundein Melodien
tausendundein Geschichten
tausendundein Möglichkeiten
tausendundein Kinder (mit tausendundein Kindern)

Wenn eine solche Formulierung Subjekt des Satzes ist, steht das Verb „ganz normal“ im Plural:

In meinem Kopf sind tausendundein Melodien

In Ihrem Beispiel ist das aber nicht so. Das Zahlwort tausendundein kann vor einem Substantiv auch gebeugt werden. Dann steht das Substantiv im Singular (mehr dazu lesen Sie hier):

tausendundeine Melodie
tausendundeine Geschichte
tausendundeine Möglichkeit
tausendundein Kind (mit tausendundeinem Kind)

Wenn nun eine Formulierung dieser Art Subjekt des Satzes ist, entsteht eine gewisse Unsicherheit. Richtet sich das Verb nach der Einzahl des Substantivs (Melodie) oder nach dem pluralischen Sinn (tausend [Melodien] und eine Melodie)? Beides ist grammatisch vertretbar, beides kommt in der Sprachpraxis vor und beides gilt als richtig.

In meinem Kopf ist tausendundeine Melodie
In meinem Kopf sind tausendundeine Melodie

Hier noch ein paar Beispiele:

Es ließe sich tausendundeine Geschichte über das Krankenhaus erzählen
Tausendundeine Geschichte ranken sich durch diesen Dschungel
Tausendundeine Möglichkeit kam mir in den Sinn
Tausendundeine Möglichkeit bieten sich Ihnen dabei.
Tausendundein Kind wurde geboren
Es wurden innerhalb der Grenzen dieses neugeborenen unabhängigen Staates Indien nicht weniger als tausendundein Kind geboren

Es bietet/bieten sich hier also nicht gerade tausendundeine Möglichkeit an, aber immerhin mehr als nur eine.

Mit freundlichen Grüßen

Dr.  Bopp

Kommentare (2)