Von Linguist Bopp oder vom Linguisten Bopp

Frage

Laut grünem Duden ist es erlaubt, ein Substantiv im Dativ ohne Flexionsendung zu schreiben, wenn kein Artikel vor einem Titel oder einer Berufsbezeichnung steht […]:

(Es wurde) die Einschaltung von Bundestagspräsident Gerstenmaier gefordert

Was aber, wenn Herr Gerstenmaier ein Soziologe ist und man sich auch nicht mit dem Genitiv behelfen kann?

Das Buch wird von Soziologe Peter Gerstenmaier präsentiert

klingt nach meinem Sprachgefühl falsch. Noch falscher wäre es zum Beispiel bei einem Wirtschaftsweisen:

Das Buch wird von Wirtschaftsweise Wilhelm Muster präsentiert

Aber warum? Wo ist der entscheidende Unterschied zum Satz:

Das Buch wird von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt präsentiert

der sich in Ordnung anhört?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

lassen Sie mich zuerst einmal etwas ausholen: Wenn Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandtschaftsbezeichnungen u. Ä. ohne Artikel vor einem Namen stehen, sind sie vorangestellte Appositionen (nähere Bestimmungen) zum Namen, vor dem sie stehen. In solchen Fällen wird der Name und nicht die Apposition gebeugt. Am besten sieht man das im Genitiv (kursiv der gebeugte Teil der Personenbezeichnung):

König Arthurs Tafelrunde
Malermeisterin Eva Hubers Geschäft
Bundestagspräsident Gerstenmaiers Büro
Bild-Chefredakteur Julian Reichelts Präsentation des Buches
Soziologe Peter Gerstenmaiers Präsentation des Buches
Pädagoge Dr. Rob Kindles neue Theorie

Das gilt auch im Dativ. Auch dort bleiben Titel u. Ä. als Apposition ungebeugt und wird der Name in den Dativ gesetzt (was man allerdings nicht sieht, weil Eigennamen im Dativ endungslos sind):

von König Arthur
mit Malermeisterin Eva Huber
mit Bild-Chefredakteur Julian Reichelt

Auch ein schwach gebeugter Titel u. Ä.  bleibt im Dativ ungebeugt, weil nicht er, sondern der Eigenname im Dativ steht:

die Einschaltung von Bundestagspräsident Gerstenmaier
die Präsentation von Soziologe Peter Gerstenmaiers
bei Pädagoge Dr. Rob Kindle

Sie sagen, dass die Formulierungen mit Soziologe ungewöhnlich klingt und die Formulierung mit Wirtschaftsweise sogar falsch. Sie haben damit insofern recht, als diese Wörter in der Regel nicht als artikellose Titel verwendet werden bzw. verwendet werden können. Man verwendet sie normalerweise nur mit Artikel. Dann sind sie keine Appositionen mehr, sondern Wortgruppenkerne, die gebeugt werden (und der Name bleibt ungebeugt):

die Tafelrunde des Königs Arthur
das Geschäft der Malermeisterin Eva Huber
die Präsentation des Bild-Chefredakteurs Julian Reichert

die Präsentation des Soziologen Peter Gerstenmeier
die Präsentation des Wirtschaftsweisen Wilhelm Muster

Ebenso im Dativ

Das Buch wird vom Soziologen Peter Gerstenmeier präsentiert
Das Buch wird vom Wirtschaftsweisen Wilhelm Muster präsentiert

So viel von Linguist Dr. Bopp oder vom Linguisten Dr. Bopp zu diesem Thema. Siehe auch hier und hier für die Beugung solcher Wortgruppen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare

Zwei Wörter, aufgrund deren/derer manche ins Zweifeln geraten

Frage

Was ist korrekt?

Hier ist ein Bild unserer Schwester, deren wir heute gedenken
Hier ist ein Bild unserer Schwester, derer wir heute gedenken

Oder ist beides möglich?

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

das weibliche Relativpronomen im Genitiv ist deren oder derer. Beide Formen gelten als korrekt. Richtig sind also beide Formulierungen:

unsere Schwester, deren wir heute gedenken
unsere Schwester, derer wir heute gedenken

Die Genitivformen deren und derer sind neben weiblich Singularformen auch Pluralformen. Nach den Grammatikern des 19. Jahrhunderts sollte man derer verwenden, wenn es ein vorausweisendes Demonstrativpronomen ist, sonst müsse deren stehen. Diese Regel hat sich aber, wie die Sprachpraxis zeigt, nie durchgesetzt. Ganz frei ist die Verwendung der beiden Formen allerdings nicht. Der Einfachheit halber werden hier das Demonstrativpronomen und das Relativpronomen zusammen behandelt.

a) Einem Substantiv vorangestellt kann nur deren stehen:

Wir denken an unsere Schwester, deren Todestag sich heute jährt
die Dame, deren rotes Cabrio vor dem Haus steht
eure Vorschläge, deren Durchführbarkeit noch geprüft werden muss
die Zeugen, aufgrund deren zweifelhafter Aussagen sie verurteilt wurde

Auch vor einem (unbestimmten) Zahlwort steht nur deren:

Es gibt nicht nur eine Ursache, sondern deren viele
Das waren es nur noch deren zwei / deren nur noch zwei

b) Als vorausweisendes Wort wird nur derer verwendet:

Stellt eine Liste derer zusammen, die ihr gerne einladen würdet.
Erinnert euch derer, die nicht mehr unter uns sind.

Im Feminin Singular ist derer aber unüblich, da derer mit dieser Funktion im Allgemeinen als Pluralform verstanden wird. Man verwendet dann besser ein Substantiv mit Artikel:

Erinnert euch der Frau, die nicht mehr unter uns ist.

c) In allen anderen Fällen sind deren und derer üblich:

die Frau, deren/derer wir heute gedenken
die Toten, deren/derer wir heute gedenken
die Frist, innerhalb deren/derer Leistungen abgerechnet werden
Kriterien, anhand deren/derer entschieden wird

Sonderabfälle und wie man sich deren/derer entledigen kann

Und wer jetzt vor lauter deren und derer den Überblick verloren hat, möge Trost darin finden, dass es meistens gutgeht, wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, und auch darin, dass sich dieses Problem zum Glück bei dessen nie stellt. Die folgende grobe Zusammenfassung kann hoffentlich dabei helfen, die Übersicht zurückzugewinnen:

  1. einem anderen Wort vorangestellt: deren
  2. auf ein nachfolgendes Wort verweisend: derer
  3. sonst: deren oder derer

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Im Titel hätte mir wegen besser gefallen als das schwerfälligere aufgrund, doch anstelle von wegen deren oder wegen derer verwendet man üblicherweise derentwegen:

Zwei Formen, derentwegen manche ins Zweifeln geraten

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Wie werden abgek. Adjektive gebeugt?

Frage

Ich habe eine Frage zur Deklination von Abkürzungen. In der Theologie ist ein gängiges Abkürzungsverzeichnis von der RGG-Redaktion herausgegeben worden. Darin gibt es z. B. „atl. = alttestamentlich“. Wenn ich nun einen Satz habe wie „Paulus greift die atl. Vorstellungen auf“, müsste ich dann „atl.en“ schreiben […]? Dasselbe Problem müsste es ja auch bei nicht theologischen Abkürzungen geben wie etwa „Ich liebe die griech. Sprache“, aber „Neben der griech.en Sprache liebe ich auch die dt.e Sprache“.

Antwort

Guten Tag Herr S.,

diesmal ist es ganz einfach: In der Regel werden bei abgekürzten Adjektiven keine Deklinationsendungen angefügt. Sie können also am besten wie folgt formulieren:

die atl. Vorstellungen
Neben der griech. Sprache lernten sie auch die dt. Sprache.
am Fuß der österr. Alpen
die brit. Premierministerin

In seltenen Fällen wird der Plural durch Verdoppelung angegeben:

Seite 32 ff. (= und folgende)

Sie können also davon ausgehen, dass die Leserschaft die richtige Endung problemlos zusammen mit dem Rest des Adjektivs ergänzt. Wichtiger ist es, nicht allzu viele und nicht allzu schwer entzifferbare Abkürzungen zu verwenden.

Mit freundl. Grüßen

Dr. Bopp

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Am elendesten oder am elendsten?

Frage

Warum wird das Adjektiv elend im Superlativ am elendesten um ein e erweitert, wenn doch die Regel lautet: est steht bei ENDbetontem Stamm mit d.

Antwort

Guten Tag A.,

die Regel, die Sie zitieren und die in ähnlicher Form auch auf unseren Seiten steht, ist einfach, aber sie trifft den Nagel nicht ganz auf den Kopf. Die e-Erweiterung (est statt nur st) findet genau genommen nicht bei Adjektiven statt, die auf der letzten Silbe betont sind, sondern bei Adjektiven, die auf eine Silbe mit einem Vollvokal enden. So sind Adjektive auf haft und los zwar nicht endbetont, ihre Endsilbe hat aber einen Vollvokal (unbetontes a resp. unbetontes o). Sie bilden deshalb den Superlativ „trotzdem“ mit est:

boshafteste
zweckloseste

Adjektivisch verwendete Partizipien auf end haben keinen solchen Vollvokal, sondern ein Schwa (ə), das nicht betont werden kann und das in der gesprochenen Sprache sogar ganz wegfallen kann (hier als Apostroph dargestellt). Sie bilden den Superlativ entsprechend mit st:

aufregend (aufregənd/aufreg’nd)
aufregendste (aufregəndste/aufreg’ndste)
blühend (blühənd/blüh’nd)
blühendste (blühəndste/blüh’ndste)
dringend (dringənd/dring’nd)
dringendste (dringəndste/dring’ndste)

Nun zu elend: Dieses Adjektiv endet eigentlich auf einen Vollvokal, ein unbetontes offenes e (ɛ), und nicht wie zum Beispiel fehlend oder stehlend mit einem Schwa. So sind fehlend und elend keine richtigen Reimwörter:

fehlend (fehlənd/fehl’nd)
elend (elɛnd/aber nicht: el’nd)

Da elend anders als zum Beispiel fehlend oder dringend mit einem Vollvokal endet, halten wir in Canoonet die Superlativform elendeste für richtig

elend, elender, elendeste

Ganz ohne ein Aber geht es allerdings nicht. Die Superlativform elendste kommt ebenfalls häufig vor. Das kann verschiedene Gründe haben: Der Vokal der zweiten Silbe von elend ist viel weniger als unbetonter Vollvokal erkennbar als zum Beispiel das a in Oma oder zweifelhaft und das o in Auto oder herzlos. Die Form elend sieht aus wie die adjektivischen Präsenspartizipien, die den Superlativ ggf. ohne e bilden. Vielleicht hat sogar die eingangs erwähnte, nicht ganz zugtreffende Regel einen Einfluss darauf, dass hier häufig kein e eingeschoben wird. Wir werden also in Zukunft einmal dem Gebrauch folgen und auch die e-lose Form angeben:

elend, elender, elendeste/elendste

Sprachregeln sollten mehr beschreiben als vorschreiben – und ohne Ausnahmen und Grenzfälle geht es ja ohnehin nie.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Jeder im Genitiv

Eine Frage, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder einmal auftaucht: allein stehendes jeder im Genitiv.

Frage

Folgendes ist ein klarer Genitivfall:

sich einer Sache bewusst sein
sich einzelner Schritte bewusst sein
sich seiner einzelnen Schritte bewusst sein

Wie sieht es aber aus, wenn das Indefinitpronomen „jeder“ vorangeht?

sich jeden seiner einzelnen Schritte bewusst sein
sich jedes seiner einzelnen Schritte bewusst sein
oder
sich jedem seiner einzelnen Schritte bewusst sein

Antwort

Guten Tag Frau H.,

keiner der beiden Vorschläge ist (zumindest standardsprachlich) korrekt. Das liegt daran, dass man die Genitivform jedes/jeden nur dann im Genitiv verwenden kann, wenn sie attributiv vor einem Nomen steht. Zum Beispiel:

im Leben jedes Menschen
am Ende jedes/jeden Tages (zu jedes/jeden siehe hier)
sich jedes einzelnen Schrittes bewusst sein

Wenn das Wort jeder nicht attributiv vor einem Nomen steht, kann es nicht im Genitiv verwendet werden. Für eine Erklärung, warum das genau so ist, müsste ich raten. Es geht ganz einfach nicht. Man muss dann auf eine andere Formulierung (z. B. ein jeder, alle, aber in diesem Fall nicht auf den Dativ) ausweichen:

im Leben eines jeden
im Interesse eines jeden / im Interesse aller

In Ihrem Satz wird jedes nicht attributiv verwendet, das heißt, es bestimmt nicht ein nachfolgendes Substantiv näher. Das Pronomen hat umgekehrt eine nähere Bestimmung bei sich, nämlich das Genitivattribut seiner einzelnen Schritte. Das sieht man gut, wenn man es durch die Fälle dekliniert:

Jeder seiner einzelnen Schritte ist gut vorbereitet.
Er hat jeden seiner einzelnen Schritte gut geplant.
Er hat bei jedem seiner einzelnen Schritten gut nachgedacht.

Und somit sind wir bei Ihrem Problem angelangt. Da die Genitivform jedes/jeden nur attributiv verwendet werden kann und hier keine attributive Verwendung vorliegt, muss auf eine andere Formulierung ausgewichen werden:

Man muss sich eines jeden seiner einzelnen Schritte bewusst sein.
Man muss sich all seiner einzelnen Schritte bewusst sein.

Siehe auch einen schon fast zehn Jahre alten Blogeintrag zu diesem Thema.

Das Gute an der komplizierten Sache ist, dass sich dieses Problem vor allem dann stellt, wenn man aus irgendeinem Grund ganz systematisch vorgehen will. Im normalen Sprachgebrauch vermeidet man solche Formen üblicherweise mehr oder weniger unbewusst, indem man eines der „Ausweichmanöver“ anwendet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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The Evanses’ house auf Deutsch

Frage

Eine englische Familie Evans hat ein Haus. Auf Englisch schreibt man:

the Evanses’ house

Wie lautet die deutsche Entsprechung?

das Haus von den Evans / der Evans
das Haus von den Evanses / der Evanses

Antwort

Guten Tag Herr T.,

zuerst stellt sich mir die Frage, ob man überhaupt so formulieren soll. Formulierungen wie

das Haus der Müllers
das Auto der Schmidts

oder mit einem s-Laut am Schluss

die Kinder der Schulz[ens]
der Hund der Weiß[ens]

kommen im Deutschen vor, sie sind aber in der heutigen Standardsprache nicht sehr üblich. Sie sind entweder eher umgangssprachlich oder passen auf einer gehobeneren Ebene zum Beispiel zu Namen von Dynastien u. Ä (die Hochzeiten der Windsors, das Gold der Romanovs).

Wenn Sie damit nicht einverstanden sind oder aus einem anderen Grund dennoch so formulieren wollen, kommt für den englischen Namen Evans am ehesten die endungslose Variante die Evans (statt die Evansens) in Frage:

das Haus der Evans

Als standardsprachlich übliche Entsprechung für the Evanses’ house würde ich aber diese Formulierung empfehlen:

das Haus der Familie Evans

Sie hat außerdem den Vorteil, dass sofort deutlich ist, wie der Familienname lautet, ohne dass man sich über das s am Schluss oder ungebräuchliche Endungen Gedanken machen muss.

Zuletzt möchte ich noch von der englischen Pluralbildung Evanses abraten. Es macht in der Schrift und erst recht im Ton einen überkorrekten oder etwas gezierten Eindruck, wenn man in einem deutschen Text einen englischen Familiennamen in dieser Weise beugt. Es ist aber nicht grundsätzlich falsch oder unmöglich, diese Formulierung zu verwenden:

das Haus der Evanses

Wie so häufig gibt es also mehr als nur eine Möglichkeit. Mein Favorit ist hier aber eindeutig: das Auto der Familie Müller, die Kinder des Ehepaars Schulz, der Hund der Familie Weiß und das Haus der Familie Evans.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Das Gegenwartsdeutsch und das Gegenwartsdeutsche

Kurz vor Weihnachten wiederhole ich wieder einmal einen Wunsch: Bitte achten Sie darauf, dass Sie Ihre E-Mail-Adresse richtig eingeben! Nur so kann ich Ihnen auch antworten. Wenn Sie im vergangenen Jahr keine Antwort von mir erhalten haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich Ihnen schlicht nicht antworten konnte. Da aber auch ich nicht unfehlbar bin, kann es auch sein, dass ich die eine oder andere Mail versehentlich habe untergehen lassen. Für diesen Fall bitte ich Sie natürlich um Entschuldigung.

Hier die Antwort an Herrn A., dem ich nicht antworten konnte, weil die E-Mail-Adresse nicht stimmte. Als speziellen Weihnachtsservice veröffentliche ich seine Frage hier und hoffe, dass er sie auch liest.

Frage

Werden Substantive wie „Hochdeutsch“ und „Gegenwartsdeutsch“ wie Adjektive dekliniert? Muss es richtig heißen „im Gegenwartsdeutsch“ oder „im Gegenwartsdeutschen“?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

beides kommt vor. Sprachbezeichnungen werden häufig endungslos verwendet, wenn es um eine bestimmte, näher gekennzeichnete Art der Sprache geht:

ein gepflegtes Hochdeutsch
im alltäglichen Gegenwartsdeutsch
das Französisch des 15. Jahrhunderts
Mein Italienisch ist ein bisschen eingerostet.

Sprachbezeichnungen werden meist mit Adjektivendung verwendet, wenn die Sprache im Allgemeinen gemeint ist, insbesondere im Gegensatz zu anderen Sprachen oder Sprachvarianten:

das Hochdeutsche im Vergleich zum Niederdeutschen
der Kasusverfall im Gegenwartsdeutschen
aus dem Französischen ins Italienische übersetzen

Vgl. hier. Das ist aber keine in Stein gemeißelte Regel. Die Trennung wird nicht immer streng in dieser Weise eingehalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp


Ich wünsche Ihnen allen schöne und geruhsame Weihnachtstage!


 

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Wie man Tschechische Republik, Deutsche Bank und Alte Post beugt

Wenn man nicht darüber nachdenkt, geht es eigentlich immer gut. Nur wenn es beim Schreiben einmal ganz genau stimmen soll, kommen immer wieder einige ins Zweifeln: die Beugung des Adjektivs in mehrteiligen Eigennamen. 

Frage

Werden zu einem mehrteiligen Namen gehörende Adjektive dekliniert? Zum Beispiel „Rote Armeefraktion“: Heißt es „Teile der sogenannten Rote Armee Fraktion“ oder „Teile der sogenannten Roten Armee Fraktion“?

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

mehrteilige Eigennamen werden grundsätzlich gleich gebeugt wie „gewöhnliche“ Wortgruppen. Das gilt nicht nur für die gesprochene, sondern auch für die geschriebene Sprache. Sie sagen und schreiben also:

Siehe Nachtrag unten
[[die Rote Armeefraktion

der Roten Armeefraktion
Teile der sogenannten Roten Armeefraktion]]

Es ist ganz einfach. Hier trotzdem noch einige mehr oder weniger bekannte Beispiele, die dieses Prinzip veranschaulichen sollen:

die Tschechische Republik
Er wohnt in der Tschechischen Republik

das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK)
Sie arbeitet beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz
Der Hauptsitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ist in Genf

Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF)
eine Sendung des Zweiten Deutschen Fernsehens

Deutsche Bank
die Direktion der Deutschen Bank

das Gasthaus Alte Post
Wir treffen uns heute Abend in der Alten Post

der Filmpreis Goldener Bär
Der Film hat den Goldenen Bären gewonnen

Eigennamen, selbst Firmen- und Markennamen, sind also nicht „unberührbar“. Wenn sie wie eine gewöhnliche Wortgruppe aufgebaut sind, dürfen sie auch so behandelt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NACHTRAG:

Jan Schreiber hat mich in seinem Kommentar auf einen Fehler hingewiesen: Die Rote Armeefraktion ist keine Armeefraktion, die rot ist, und wird auch nicht so geschrieben. Es ist eine Fraktion der Roten Armee (jedenfalls in der Sicht der Gründer und Mitglieder) und sollte entsprechend Rote-Armee-Fraktion geschrieben werden. Es ist eine der seltenen Zusammensetzung dieser Art, bei der die Beugung unsicher ist. Das Adjektiv kann gebeugt werden, aber auch ungebeugt bleiben:

der Rote-Armee-Fraktion / der Roten-Armee-Fraktion
der Arme-Sünder-Glocke / der Armen-Sünder-Glocke (o. der Armesünderglocke)

Es ist also gerade bei diesem Beispiel nicht ganz so einfach. Wie Jan Schreiber ziehe ich übrigens aufgrund der Struktur der Zusammensetzung die ungebeugte Version der Rote-Armee-Fraktion vor.

Ich bitte insbesondere Frau L. dafür um Entschuldigung, dass ich das Beispiel zu schnell übernommen und falsch analysiert habe. Die übrigen Beispiele sind korrekt.

Kommentare (7)

John Lennons wunderbare/wunderbares Album?

Die deutschen Adjektivendungen sind für viele Deutschlernende eine mittlere Katastrophe. Und für die Muttersprachigen gilt: Bloß nicht zu viel darüber nachdenken! Herrn L.s Frage zeigt einen Fall, bei dem es häufig zu Zweifeln kommt: die Adjektivendung nach einem vorangestellten Genitivattribut.

Frage

Ich hab da mal eine Frage zu folgendem Komplex. Heißt es richtig auf John Lennons wunderbarem Album „Imagine“, oder auf John Lennons wunderbaren Album „Imagine“?

Antwort

Sehr geehrter Herr L.,

es geht hier im die starke und schwache Deklination des Adjektivs. Nach u. a. dem bestimmten Artikel wird ein Adjektiv schwach gebeugt (vgl. hier). Die schwache Endung ist in diesem Fall en:

auf dem wunderbaren Album „Imagine“ des Musikers John Lennon.

Wenn nun das Genitivattribut (die nähere Bestimmung im Genitiv) vorangestellt wird, ersetzt es den Artikel. Es steht also kein Artikel mehr vor dem Adjektiv. Ohne ein Artikelwort wird ein Adjektiv stark gebeugt (vgl. hier). Die starke Endung ist hier em:

auf John Lennons wunderbarem Album „Imagine“

Hier gleich noch ein paar Beispiele:

das wunderbare Album des Musikers John Lennon aus dem Jahr 1971
John Lennons wunderbares Album „Imagine“ aus dem Jahr 1971

Das ist der neue Freund meiner Nachbarin Susanne.
Das ist Susannes neuer Freund.

Die netten Verwandten aus L. haben uns geholfen.
Herrn K.s nette Verwandte haben uns geholfen.

Und ich schließe mit einem eher unbescheidenen Beispiel: Das alles und viel mehr lesen Sie im interessanten Blog des Dr. Bopp oder – etwas zeitgemäßer formuliert – in Dr. Bopps interessantem Blog.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kommentare (2)

Manchmal kommen Sandro, Frau Wagner und Dr. Bopp im Genitiv ohne s aus

Frage

Auf dieser Seite in Canoonet steht: „der Geburtstag des kleinen Sandro“. Ist das nicht ein Fehler? Sollte es nicht heißen: „der Geburtstag des kleinen Sandros“ ?

Antwort

Sehr geehrter Herr A.,

Personennamen haben im Genitiv in der Regel die Endung s, wenn sie ohne Artikel stehen:

Goethes Dramen
Kleopatras Reich
Elisabeths Meinung
Joachim Bergers Beitrag
Frau Wagners BMW
Dr. Bopps Blog
Sandros Geburtstag

Wenn Personennamen aber mit einem Artikel stehen, sind sie im heutigen Deutschen in der Regel auch im Genitiv endungslos. Sie stehen vor allem dann mit einem Artikel, wenn sie von einem Adjektiv begleitet werden:

die Dramen des jungen Goethe
das Reich der schönen Kleopatra
der Beitrag des sehr interessierten Joachim Berger
das Leben der heiligen Elisabeth
der BMW der geschäftstüchtigen Frau Wagner
der Blog des nicht sehr strengen Dr. Bopp

Und ebenso:

der Geburtstag des kleinen Sandro

Wer dem Genitiv und dem Genitiv-s sehr zugetan ist, mag es bedauern, aber diese Endungslosigkeit ist auch standardsprachlich üblich und akzeptiert (und nicht etwa der Einfall eines viel zu nachgiebigen Dr. Bopp). Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

 

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