Passiv Futur II mit Modalverb

So kompliziert sich Passiv Futur II mit Modalverb (oder wie man diese Konstruktion nennen will) anhört, so kompliziert ist es auch, die so genannte Form zu bilden.

Frage

Für das Futur II im Passiv mit Modalverb gibt es im Internet verschiedene Formangaben:

1) Der Mann wird haben operiert werden müssen.
2) Der Mann wird operiert haben werden müssen.
3) Der Mann wird operiert worden sein müssen.

Es ist mir bewusst, dass wir das Futur II im Alltag eher selten verwenden. Wir benötigen jedoch die grammatikalische Form für den Test. Könnten Sie mir bitte helfen.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

das Passiv Futur II mit Modalverb wird im Alltag nicht „eher selten“, sondern kaum je verwendet. Entsprechend ist es meiner Meinung wenig sinnvoll, diese Form in einem Test zu verwenden. Die meisten Deutschsprechenden können sie, wenn überhaupt, nur nach langem Zögern und viel Zweifeln bilden. Um sicherzugehen, muss auch ich diese Form herleiten, denn spontan verhasple ich mich in all den Verbformen. Da Sie die Frage aber gestellt haben, versuche ich sie zu beantworten:

Das Passiv Futur II von operieren mit dem Modalverb müssen lautet:

Der Mann wird haben operiert werden müssen.

Nun zur Herleitung der Form: Bei Modalverbkonstruktionen wird ein Modalverb mit dem Infinitiv eines Vollverbs kombiniert. Fangen wir mit der Aktivform operieren an, weil das die Erklärung etwas einfacher macht:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Was beim Futur II auffällt, ist die Stellung von haben am Anfang der abschließenden Verbgruppe. Sie lässt sich wie folgt erklären: Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv eines Modalverbs enthält (hier müssen statt gemusst) wird das Hilfsverb haben vor die abschließende Verbgruppe gestellt:

… weil er den Mann hat operieren müssen (nicht: *operieren müssen hat)
… obwohl sie hat kommen wollen (nicht: *kommen wollen hat)
… dass ich nicht habe ausgehen dürfen (nicht: *ausgehen dürfen habe)

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst ein Infinitiv ist:

… weil er den Mann wird haben operieren müssen
… obwohl sie würde haben kommen wollen
… dass ich nicht werde haben ausgehen dürfen

Das gilt auch in einem Hauptsatz:

Er wird den Mann haben operieren müssen
Sie würde haben kommen wollen
Ich werde nicht haben ausgehen dürfen

Eine Modalverbkonstruktion sieht also wie folgt aus:

Präsens: Er muss x-en
Perfekt: Er hat x-en müssen
Futur: Er wird x-en müssen
Futur II: Er wird haben x-en müssen

Weiter oben haben wir schon einmal den Infinitiv operieren für x-en eingesetzt:

Präsens: Er muss operieren
Perfekt: Er hat operieren müssen
Futur: Er wird operieren müssen
Futur II: Er wird haben operieren müssen

Das sind die Formen des Aktivs. Für die Formen des Passivs muss der Infinitiv Passiv operiert werden eingesetzt werden:

Präsens: Er muss operiert werden
Perfekt: Er hat operiert werden müssen
Futur: Er wird operiert werden müssen
Futur II: Er wird haben operiert werden müssen

Mit diesem Vorgehen lässt sich das Passiv Futur II mit Modalverb sozusagen theoretisch errechnen, denn verwendet wird es eigentlich nie. Das kann der Grund dafür sein, dass Sie im Internet auch andere Formen finden. In der Grammatik gilt letztlich, dass richtig ist, was üblich ist. Es ist nicht möglich, hier zu sagen, was wirklich üblich ist.

Üblich ist hier vielmehr (das Futur II dient ja hauptsächlich dazu, eine Vermutung auszudrücken):

Er hat wahrscheinlich operiert werden müssen
Man hat ihn vermutlich operieren müssen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Würde der Patient operiert oder würde der Patient operiert werden? – Konjunktiv II im Passiv

Frage

Wir lernen zurzeit den Konjunktiv II – kein einfaches Thema. Jetzt sind wir sogar beim Konjunktiv II im Passiv angekommen und zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass im Internet verschiedene Varianten des Konjunktivs II Passiv Präsens angegeben werden. So sieht man „Das Tor würde nun geschlossen werden“, aber auch „Der Mann würde vom Arzt operiert“. Gehört das „werden“ nicht als Zeichen der Passivform unbedingt dazu?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die schnelle Antwort lautet: Beides kommt vor, aber einfaches würde ist besser. Für eine genauere Antwort muss ich etwas weiter ausholen.

Im Konjunktiv II verwendet man standardsprachlich vor allem dann die würde-Formen, wenn die eigentlichen Formen des Konjunktivs II sich nicht von den Formen des Indikativs unterscheiden:

Ich hätte Zeit (nicht: Ich würde Zeit haben)
Ich wäre bereit (nicht: Ich würde bereit sein)
Ich sähe noch andere Möglichkeiten (besser nicht: Ich würde noch andere Möglichkeiten sehen)
Ich ginge lieber etwas früher (besser nicht: Ich würde lieber etwas früher gehen)

Wenn aber die Formen des Konjunktivs II und des Indikativs Präteritum identisch sind, werden auch in der Standardsprache die würde-Formen verwendet (vgl. hier):

Der Arzt würde ihn operieren (statt: Der Arzt operierte ihn)
Ich würde gerne deine Meinung hören (statt: Ich hörte gerne deine Meinung)
Ich würde noch nicht heizen (statt: Ich heizte noch nicht)
Die Lehrerin würde den Text korrigieren (statt: Die Lehrerin korrigierte den Text)

Der Konjunktiv II von werden ist würde. Diese Form unterscheidet sich vom Indikativ Präteritum wurde. Deshalb ist es eigentlich besser, nicht die würde-Form würde werden zu verwenden:

Indikativ: Der Mann wird vom Arzt operiert
Konjunktiv II: Der Mann würde vom Arzt operiert

Indikativ: Das Tor wird jetzt geschlossen
Konjunktiv II: Das Tor würde jetzt geschlossen

Diese Regeln werden allerdings nicht immer so streng beachtet, das heißt, auch würde werden kommt häufig vor, offensichtlich sogar in Grammatiktabellen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Konjunktiv II von werden mit dem Hilfsverb für die Ersatzform des Konjunktivs II identisch ist: würde. Es ist deshalb schwierig, „alles auseinanderzuhalten“.

Zusammenfassend: Beide Formen kommen vor, und dies in der Regel ohne Bedeutungsunterschied:

Der Patient würde vom Arzt operiert, wenn er Dienst hätte
Der Patient würde vom Arzt operiert werden**, wenn er Dienst hätte

Wenn schon alle eingetroffen wären, würde das Tor jetzt geschlossen
Wenn schon alle eingetroffen wären, würde das Tor jetzt geschlossen werden

Die zweite Form ist nicht falsch, ich halte aber die erste für stilistisch besser (nur schon weil sie einfacher ist).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Rein Formal ist die Form würde operiert werden eigentlich ein Futur:

Indikativ: Der Patient wird vom Arzt operiert werden
Konjunktiv II: Der Patient würde vom Arzt operiert werden

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Institut für angewendete Kommunikationsforschung?

Frage

[…] Ich würde ich gerne wissen, warum das Partizip II von „anwenden“ bei fachsprachlichen Wendungen wie „angewandte Psychologie“ immer „angewandt“ lautet. Hätte das „Bochumer Institut für angewandte Kommunikationsforschung“ nicht auch „Bochumer Institut für angewendete Kommunikationsforschung“ heißen können? Abgesehen davon, dass das ziemlich blöd klingen würde, wäre es doch nicht falsch, oder?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

nach den Angaben in Wörterbüchern und Grammatiken sind bei anwenden im Präteritum und im Perfekt sowohl die abgelauteten Formen (wandte an, angewandt) als auch die regelmäßig gebildeten Formen (wendete an, angewendet) korrekt. So spricht man zum Beispiel von der angewandten/angewendeten Methode, angewandten/angewendeten Arzneimitteln oder der für einen bestimmten Zweck angewandten/angewendeten Technik. Häufiger sind die abgelauteten Formen, insbesondere in formelleren Kontexten.

Es wäre also theoretisch nicht falsch, bestimmte Fachbereiche angewendete Psychologie, angewendete Linguistik oder angewendete Kommunikationsforschung statt angewandte Psychologie, angewandte Linguistik oder angewandte Kommunikationsforschung zu nennen. Das ist aber, wie Sie in Ihrer Frage bereits erwähnen, bei Bezeichnungen dieser Art keineswegs gebräuchlich.

Ist nun das regelmäßige Partizip angewendete hier richtig oder falsch? Im Zweifelsfall gilt: Richtig ist, was üblich ist. Man kann deshalb sagen, dass angewendete Kommunikationsforschung zwar nach den Angaben der Wörterbücher theoretisch möglich, in der Sprachpraxis aber doch nicht richtig ist, ganz einfach, weil es nicht so verwendet (oder verwandt) wird. Richtig ist nur angewandte Kommunikationsforschung (als nachsichtige Korrektorin oder wohlwollender Lehrer geben Sie dennoch höchstens einen halben Punkt Abzug).

Hier zeigt sich wieder einmal, dass man der Sprachrealität mit Regeln und Flexionstabellen nicht immer gerecht werden kann, denn „letztinstanzlich“ gilt diese bereits erwähnte Regel der „angewandten Grammatik“: Richtig ist, was üblich ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind es zwei Jahre her?

Frage

Warum sagt man: „Es ist zwei Jahre her“, und nicht: „Es sind zwei Jahre her“? Ist das Subjekt in diesem Satz nicht das Satzglied „zwei Jahre“?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

die üblichste und akzeptierte Ausdrucksweise ist:

Es ist zwei Jahre her
Es ist einen Monat her

Man kann die Formulierung so analysieren:

es = Subjekt
ist her (liegt zurück) = Prädikat
zwei Jahre/einen Monat = adverbiale Bestimmung der Zeit  (im Akkusativ)

Das Subjekt es steht dabei stellvertretend für etwas vorher Gesagtes oder einen folgenden Nebensatz. Das erklärt den Singular des Verbs:

Es ist zwei Jahre her, dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe.
Dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe, ist zwei Jahre her.
Unser letztes Treffen ist zwei Jahre her.

Die Verbindung her sein wird also wie (zeitlich) zurückliegen verwendet.

Die folgende Art der Formulierung kommt aber auch vor:

Es sind zwei Jahre her
Ein Monat ist es her

Hier wird ist her wie ist in einem Gleichsetzungssatz verwendet (vgl. hier) und her sein hat die Bedeutung vergangen sein:

es = Subjekt/Prädikativ
sind/ist her ( sind/ist vergangen) = Prädikat
zwei Jahre/ein Monat = Prädikativ/Subjekt (im Nominativ)

Ob es zwei Jahre her ist oder zwei Jahre her sind, hängt davon ab, ob her sein wie zurückliegen oder ähnlich wie vergangen sein verwendet wird. Ich empfehle die erste Formulierung (Es ist zwei Jahre / einen Monat her).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Ist oder sind tausendundeine Melodie in meinen Kopf?

Ist oder sind tausendundeine Melodie in meinen Kopf?

Frage

Was ist grammatikalisch richtig:

In meinem Kopf SIND tausendundeine Melodie
In meinem Kopf IST tausendundeine Melodie

Danke für Ihre schnelle Hilfe!

Antwort

Guten Tag Frau B.,

wieder einmal lautet die Antwort: Beides ist richtig.

Das Zahlwort tausendundein kann vor einem Substantiv ungebeugt bleiben. Dann steht das Substantiv im Plural:

tausendundein Melodien
tausendundein Geschichten
tausendundein Möglichkeiten
tausendundein Kinder (mit tausendundein Kindern)

Wenn eine solche Formulierung Subjekt des Satzes ist, steht das Verb „ganz normal“ im Plural:

In meinem Kopf sind tausendundein Melodien

In Ihrem Beispiel ist das aber nicht so. Das Zahlwort tausendundein kann vor einem Substantiv auch gebeugt werden. Dann steht das Substantiv im Singular (mehr dazu lesen Sie hier):

tausendundeine Melodie
tausendundeine Geschichte
tausendundeine Möglichkeit
tausendundein Kind (mit tausendundeinem Kind)

Wenn nun eine Formulierung dieser Art Subjekt des Satzes ist, entsteht eine gewisse Unsicherheit. Richtet sich das Verb nach der Einzahl des Substantivs (Melodie) oder nach dem pluralischen Sinn (tausend [Melodien] und eine Melodie)? Beides ist grammatisch vertretbar, beides kommt in der Sprachpraxis vor und beides gilt als richtig.

In meinem Kopf ist tausendundeine Melodie
In meinem Kopf sind tausendundeine Melodie

Hier noch ein paar Beispiele:

Es ließe sich tausendundeine Geschichte über das Krankenhaus erzählen
Tausendundeine Geschichte ranken sich durch diesen Dschungel
Tausendundeine Möglichkeit kam mir in den Sinn
Tausendundeine Möglichkeit bieten sich Ihnen dabei.
Tausendundein Kind wurde geboren
Es wurden innerhalb der Grenzen dieses neugeborenen unabhängigen Staates Indien nicht weniger als tausendundein Kind geboren

Es bietet/bieten sich hier also nicht gerade tausendundeine Möglichkeit an, aber immerhin mehr als nur eine.

Mit freundlichen Grüßen

Dr.  Bopp

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0,5 Prozent ist oder 0,5 Prozent sind?

Frage

Wenn 0,5 Prozent das Subjekt eines Satzes ist, steht dann die Personalform im Singular oder im Plural?

Antwort

Guten Tag Herr J.,

Beispiele helfen mir immer, eine Frage genauer zu verstehen. Auch hier lautet die Antwort nämlich nicht einfach Singular oder Plural.

Wenn eine Prozentangabe mit einer Zahl, die nicht 1 ist, Subjekt des Satzes ist, steht das Verb standardsprachlich in der Regel im Plural:

1 Prozent (der Bevölkerung) hat zugestimmt

10 Prozent haben zugestimmt
30 Prozent der Befragten lehnen den Neubau ab
24,5 Prozent der Flüge sind interkontinental

Das gilt auch für Dezimalzahlen, die kleiner als 1 sind:

0,5 Prozent enthielten sich der Stimme
0,7 Prozent der Delegierten enthielten sich der Stimme
Nur 0,3 Prozent waren dafür

Wie immer gibt es aber auch Ausnahmen: In einem Gleichsetzungssatz (vgl. hier) kann auch der Singular stehen:

0,5 Prozent ist/sind kein gutes Resultat
63 Prozent ist/sind eine überraschend große Mehrheit

Und auch dann, wenn ein Substantiv im Nominativ auf Prozent folgt, kann das Verb im Singular und im Plural stehen:

0,5 Prozent einmaliger Verlust bedeutet/bedeuten nicht gleich den Untergang der Firma.
15 Prozent Strom wird/werden dadurch gespart.

Ob Singular oder Plural, Ihnen steht/stehen hoffentlich 100% Wochenende bevor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Verbzeiten, wenn noch Bestehendes in der Vergangenheit gesehen wurde

Frage

Ich schreibe eine Zusammenfassung eines Reisetagebuches für einen Freund. Er wünscht sich, dass ich seine Reise von damals, 1972, in der Vergangenheit und in der dritten Person schreibe.

Wenn ich aber nun Ortschaften, Tempel, Landschaften und die Leute, die damals dort lebten, beschreibe, mache ich das auch im Präteritum oder doch eher im Präsens? Es ist ja sehr gut möglich, dass die Menschen dort immer noch ärmlich und einfach leben und die Landschaften sind ja sicher immer noch hügelig und sagenhaft grün? Hier ein Beispiel:

Zusammen mit Tom und seiner Freundin besuchte Silvio am Nachmittag den prunkvollen Regierungspalast. Das Südtor und der über 250 Jahre alte Tempel sind voll von Figuren und Reliefs, die alle in den buntesten Farben bemalt sind.

Antwort

Guten Tag Frau R.,

es gibt fast keine festen Regeln, welche Zeitformen man im Deutschen verwenden muss. Es gibt deshalb oft mehr als nur eine „richtige“ Formulierung. So auch in diesem Fall.

Es ist möglich, alle Beschreibungen in den Zeitformen der Vergangenheit zu formulieren, auch wenn die Hügel immer noch sagenhaft grün, die Menschen immer noch arm und die Tempel immer noch bunt bemalt sind:

Zusammen mit Tom und seiner Freundin besuchte Silvio am Nachmittag den prunkvollen Regierungspalast. Das Südtor und der über 250 Jahre alte Tempel waren voll von Figuren und Reliefs, die alle in den buntesten Farben bemalt waren.

Sie erzählen dann „romanartig“ in der Vergangenheit, was die Reisenden sahen, und stellen dabei keinen Gegenwartsbezug her. Ein solcher Gegenwartsbezug muss nicht gemacht werden und wird gerade in Erzählungen sehr häufig nicht gemacht, auch wenn es das Beschriebene immer noch gibt.

Sie können aber bei der Beschreibung auch ins Präsens wechseln:

Zusammen mit Tom und seiner Freundin besuchte Silvio am Nachmittag den prunkvollen Regierungspalast. Das Südtor und der über 250 Jahre alte Tempel sind voll von Figuren und Reliefs, die alle in den buntesten Farben bemalt sind.

Das kann verschiedene Gründe haben: Sie machen die Erzählung durch das Präsens lebendiger (sog. historisches Präsens) oder Sie stellen mit dem Präsens einen direkten Gegenwartsbezug her, um explizit anzugeben, dass man das Beschriebene immer noch besichtigen kann. Vielleicht ist Letzteres ja das, wozu Ihr weitgereister Freund mit seinem Reisetagebuch einladen möchte.

Möglich sind, wie gesagt, beide Arten der Formulierung. Sie können sich also für diejenige entscheiden, die Sie passender finden oder die Ihnen einfach besser gefällt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS.: Ein ähnlicher Fall wird in diesem Artikel behandelt.

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Sollte gemacht haben vs. hätte machen sollen

Frage

Könnten Sie mir vielleicht den semantischen Unterschied erklären zwischen „Ich sollte es schon gemacht haben“ und „Ich hätte es schon machen sollen“? Etwa wenn man ein Visum nach Russland beantragt und sich die Frage stellt, ob man bei der Anfrage das Hotel etc. „schon gebucht haben sollte“ oder „schon hätte buchen sollen“.

Antwort

Guten Tag Herr S,,

es gibt hier einen Bedeutungsunterschied, es ist aber nicht einfach, ihn auf Anhieb zu erkennen. Grob gesagt geht es darum, wann die durch sollen ausgedrückte „Verpflichtung“ besteht und wie sich das „Verpflichtete“ zeitlich dazu verhält. Spielen wir einmal theoretisch alle Möglichkeiten durch:

  1. Ich sollte es machen
    „Verpflichtung“ in der Gegenwart, etwas  zu machen
  2. Ich sollte es gemacht haben
    „Verpflichtung“ in der Gegenwart, etwas  gemacht zu haben
  3. Ich hätte es machen sollen
    „Verpflichtung“ in der Vergangenheit, etwas zu machen
  4. Ich hätte es gemacht haben sollen
    „Verpflichtung“ in der Vergangenheit, etwas gemacht zu haben

Ihre Beispielsätze entsprechen den Formulierungen b und c.

Wenn man (b) das Hotel schon gebucht haben sollte, hat man in der Gegenwart die „Verpflichtung“, die Buchung vorgenommen zu haben. Wenn man (c) das Hotel schon hätten buchen sollen hat in der Vergangenheit die „Verpflichtung“ bestanden, die Buchung vorzunehmen.

Die Sache wird vielleicht dadurch schwieriger zu durchblicken, dass der Konjunktiv sollte zwar aussieht wie eine Vergangenheitsform, aber eine gegenwärtige Verpflichtung ausdrückt. Vgl. eine ähnliche Formulierung mit müssen:

  1. Sie müssten das Hotel schon gebucht haben.
  2. Sie hätten das Hotel schon buchen müssen.

Hier sieht man vielleicht etwas besser, dass eine irreale gegenwärtige Verpflichtung, etwas getan zu haben, und eine irreale vergangene Verpflichtung, etwas zu tun, zwar nicht dasselbe sind, hier aber mehr oder weniger auf das Gleiche hinauslaufen. Sehr groß ist der eingangs angekündigte Bedeutungsunterschied also nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die Formulierungen mit sollte und müsste können je nach Kontext auch als Annahme oder Vermutung verstanden werden, vgl. hier und hier. Das ist aber eine ganz andere Frage.

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Der umgangssprachliche Indikativ: Sie sagt, sie ist glücklich

Frage

Ich hätte eine Frage bezüglich des Konjunktivs I und des Indikativs. Ich weiß in etwa, wann man den Konjunktiv I verwenden soll, doch ist mir aufgefallen, dass man ihn im Alltag und im Fernsehen (außer in den Nachrichten) kaum hört. Außerdem fällt mir auf, dass er in der Umgangssprache häufig durch den Indikativ ersetzt wird. Zum Beispiel:

Sie sagt, sie ist glücklich.
Er denkt, er hat alles falsch gemacht.

Ich weiß, dass der Konjunktiv in Sätzen mit dass weggelassen werden kann, aber häufig wird auch das dass weggelassen. Kann der Konjunktiv I der indirekten Rede in der Umgangssprache durch den Indikativ ersetzt werden?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

die Umgangssprache ist, grob gesagt, eine Variante der Sprache, die im informellen täglichen Umgang mit anderen verwendet wird und sich weniger an die Regeln der Standardsprache hält. So gesehen beantworten Sie Ihre Frage eigentlich schon selbst: In der Umgangssprache wird häufig auch in der indirekten Rede ohne dass der Indikativ verwendet. Man kann also in der informellen Umgangssprache den Indikativ anstelle des Konjunktivs verwenden, denn es wird dort ja getan. Standardsprachlich gilt die Verwendung des Indikativs hier aber als nicht korrekt.

Standardsprachlich:

Sie sagt, dass sie glücklich sei.
Er denkt, dass er alles falsch gemacht habe.

Sie sagt, dass sie glücklich ist.
Er denkt, dass er alles falsch gemacht hat.

Sie sagt, sie sei glücklich.
Er denkt, er habe alles falsch gemacht.

Nur umgangssprachlich auch:

Sie sagt, sie ist glücklich.
Er denkt, er hat alles falsch gemacht.

Sich brav an die standardsprachliche Regel haltend schreibt Dr. Bopp, es sei nun Zeit fürs Wochenende, und verabschiedet sich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Kommt/Kommen du und deine Schwester …?

Wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist, haben Sie sich diese Frage wahrscheinlich noch nie gestellt. Für mich persönlich war sie jedenfalls nie ein Problem, bis sie mir im Rahmen dieser Rubrik zum ersten Mal begegnete und ich bei ihrer Beantwortung auf Anhieb unsicher wurde. Es ist eine Frage, die regelmäßig gestellt wird, in der Regel durch Deutsch Lernende oder Deutsch Unterrichtende (Deutsch als Fremdsprache). Wie wahrscheinlich viele von Ihnen umgehe ich das Problem häufig unbewusst, indem ich leicht anders formuliere.

Frage

Was ist korrekt?

Du und deine Schwester kommt aus der Schweiz.
Du und deine Schwester kommen aus der Schweiz.

Kommt du und deine Schwester aus der Schweiz?
Kommen du und deine Schwester aus der Schweiz?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

wenn mit und verbundene Subjektteile nicht der gleichen grammatischen Person entsprechen, geht man am besten wie folgt vor (siehe hier)

1. und 2. Person = wir
1. und 3. Person = wir
2. und 3. Person = ihr

Zum Beispiel:

Du und ich müssen zusammen etwas unternehmen.
Ihr und ich sind uns also einig.
Wir und ihr sollten uns für unsere Herkunft nicht schämen.
Seid du und dein Bruder einander sehr ähnlich?
Ihr und eure Eltern seid herzlich eingeladen.

Für Ihre Beispiele bedeutet dies:

Du und deine Schwester kommt aus der Schweiz.
Kommt du und deine Schwester aus der Schweiz?

Diese Hürde wird häufig mehr oder weniger unbewusst umgangen, indem das entsprechende Personalpronomen eingefügt wird.

Du und ich, wir müssen zusammen etwas unternehmen.
Ihr und ich, wir sind uns also einig.
Wir und ihr, wir sollten uns für unsere Herkunft nicht schämen.
Seid ihr, du und dein Bruder, einander sehr ähnlich?
Ihr und eure Eltern, ihr seid herzlich eingeladen.

Du und deine Schwester, ihr kommt aus der Schweiz.
Kommt ihr, du und deine Schwester, aus der Schweiz?

Der Einschub des Personalpronomens ist natürlich nicht obligatorisch, aber er kann häufig helfen, den Satz weniger holprig oder weniger gekünstelt erscheinen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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