Unter der und unter die Brücke fließen: Wechselpräpositionen und Bewegung

Frage

Es geht um die lokale Präposition „unter“ und deren Rektion (statisch oder mit Bewegung). Welcher Satz ist richtig?:

a) Das Wasser fließt unter der Brücke.
b) Das Wasser fließt unter die Brücke.

Intuitiv würde ich Option a) sagen, aber laut Grammatikregeln („fließen“ beinhaltet eine Bewegung…) wäre Option b) richtig.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

die sogenannten Wechselpräpositionen sorgen im Unterricht (für Fremdsprachige) manchmal für Verwirrung. Während die meisten Präpositionen mit einem festen Fall verbunden sind (was schon einen beachtlichen Lernaufwand erfordert), können an, auf, hinter, in, neben, über, unter, vor und zwischen sowohl mit dem Dativ als auch mit dem Akkusativ stehen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man den Fall nicht beliebig wählen kann.

Ein häufiger vorkommendes Missverständnis ist, dass der Akkusativ bei diesen sogenannten Wechselpräpositionen mit Bewegung verbunden ist, während der Dativ für eine statische Ortsangabe dient. Zum Beispiel:

Ich lege es auf den Tisch. (Bewegung: legen)
Es liegt auf dem Tisch. (statisch: liegen)

Das ist nicht ganz richtig. Mit dem Akkusativ wird nicht angegeben, dass es sich um Bewegung handelt. Im Akkusativ steht genau genommen das, worauf eine Bewegung oder Handlung zielt (wohin?). Mit dem Dativ wird angegeben, wo etwas ist, aber auch wo etwas geschieht (wo?).

Bewegung hat insofern etwas hiermit zu tun, als die Angabe eines Ziels eine Bewegung auf dieses Ziel hin voraussetzt. Der Akkusativ ist also immer mit einer Bewegung verbunden und steht in Verbindung mit einem Verb, das Bewegung ausdrückt. Man kann aber auch angeben, an welchem Ort eine Bewegung oder Handlung stattfindet. Dann steht auch bei Bewegungsverben nach einer Wechselpräposition der Dativ. Der Akkusativ ist bei Wechselpräpositionen immer mit einer Bewegung verbunden, aber das Umgekehrte gilt nicht: Eine Bewegung ist nicht immer mit einem Akkusativ verbunden. Ein Beispiel:

1) Wir fahren auf die Autobahn
= Wir nehmen die Autobahneinfahrt, um auf die Autobahn zu gelangen
2) Wir fahren auf der Autobahn
= Der Ort, an dem wir fahren, ist die Autobahn

In beiden Fällen geht es um eine Bewegung, denn „fahren“ ist ein Bewegungsverb. Bei 1) wird das Ziel der Bewegung angegeben (Akkusativ – wohin fahren?), bei 2) wird der Ort angegeben, an dem die Bewegung stattfindet (Dativ – wo fahren?).

In ähnlicher Weise kann man auch den Satz in Ihrer Frage interpretieren:

3) Das Wasser fließt unter die Brücke
= Der Ort, an den das Wasser fließt, ist die Brücke (wohin fließen?)
4) Das Wasser fließt unter der Brücke
= Der Ort, unter dem das Wasser (hindurch)fließt, ist die Brücke (wo fließen?)

Die Formulierung 3) ist nicht ausgeschlossen*, aber weniger wahrscheinlich. Gemeint ist meistens 4), denn die Brücke ist ja nicht das Ziel der Bewegung des Wassers, sondern der Ort, an dem das Wasser fließt.

Mit „Ziel“ impliziert man zwar Bewegung, aber mit „Bewegung“ schließt man den Dativ bei den Wechselpräpositionen nicht aus. Man spricht deshalb bei den Wechselpräpositionen im Unterricht besser nicht von „Bewegung“ oder „dynamisch“ und „statisch“, sondern einfach von „Ziel/wohin?“ und „Ort/wo?“. Es ist für Lernende auch dann noch kompliziert und verwirrend genug!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Zum Beispiel: Das Wasser fließt unter die Brücke und von dort wieder weiter. Gerade durch die Möglichkeit solcher Formulierungen kann die Verwendung der Wechselpräpositionen für Deutschlernende zumindest am Anfang sehr schwierig sein.

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Heilbutt in/im Tomatensud: Rezepttitel mit „in“

Frage

Ich habe eine Frage bzgl. in/im. Heißt es bei einem Rezept korrekt „Heilbutt im Tomatensud“ oder „Heilbutt in Tomatensud“; „Muscheln in/im Tomatensauce“? Oder geht beides?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

aus einem früheren Leben, in dem ich mich mit der Übersetzung von Rezepten beschäftigen durfte, ist mir die Fachsprache der Rezepte nicht ganz unbekannt. Ich bin aber kein Chefkoch, kein Restaurantbetreiber und kein Kochbuchverleger, und für eine größere empirische Untersuchung fehlt mir an dieser Stelle leider die Zeit. Was folgt, ist also nur das Resultat meiner persönlichen Erfahrung und einer kurzen Recherche in Internet und Inhaltsverzeichnissen von Kochbüchern.

Wenn es um eine Stoffbezeichnung wie Sud, Teig oder Wein geht, wird in Rezepttiteln sowohl mit in als auch mit im formuliert. Beides ist formal vertretbar:

Heilbutt im Tomatensud
Heilbutt in Tomatensud
Schinken im Brotteig
Schinken in Brotteig
Birnen im Rotwein
Birnen in Rotwein

Das gilt zu meinem Erstaunen aber nur für in/im. Bei weiblichen Stoffbezeichnungen ist nur die Formulierung mit in, nicht aber mit in der üblich, obwohl in der rein formal ebenso gut möglich sein müsste wie im bei männlichen und sächlichen Stoffbezeichnungen. Es heißt also (fast?) nur:

Muscheln/Heilbutt in Tomatensauce
Gemüse in Kokosmilch
Garnelen in Kräuterbutter

Eine Erklärung könnte sein, dass Rezepttitel nicht zu lang sein sollten. Während es kaum einen Längenunterschied zwischen in und im gibt, nimmt in der gut doppelt so viel Platz ein wie in. Vielleicht heißt es deshalb Heilbutt in Tomatensud oder Heilbutt im Tomatensud, aber nur Heilbutt in Tomatensauce.

Viel wichtiger als die genaue Formulierung des Rezepttitels ist allerdings, dass es schmeckt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Die Inselfrage

Aus irgendeinem Grund wird Deutschlernenden immer wieder gerne die Verwendung der Präpositionen bei Inselnamen vorgelegt; meist in etwas gar vereinfachter Form. Ganz so eindeutig und einfach, wie viele es gerne hätten, ist es nämlich nicht. Es kommt deshalb immer wieder zu Fragen – und gelegentlich sogar zu erhitzten Diskussionen.

Frage

Ich habe gelernt, dass ich die Präposition „aus“ verwenden muss, wenn ich nach meinem Heimatland gefragt werde: „Ich komme aus Kolumbien, aus Deutschland, aus den USA, aus der Schweiz, usw.“ Aber jetzt sagt jemand, dass nicht die Präposition „aus“, sondern die Präposition „von“ verwenden muss, wenn ich in den Kanarischen Inseln oder in den Philippinen geboren wurde: Ich komme von den Philippinen, von den Kanarischen Inseln. Stimmt es und warum?

Insel

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

die unterschiedliche Wahl der Präpositionen hat damit zu tun, dass man bei Ländern im Allgemeinen das Bild hat, dass man sich innerhalb von ihnen befindet. Bei Inseln hingegen ist das Bild, dass man sich oben auf ihnen befindet:

Wo?
Ich bin in Deutschland / in Österreich / in Spanien.
Ich bin in der Schweiz / in der Türkei / in den Niederlanden.

Ich bin auf Sardinien / auf Sylt.
Ich bin auf der Mainau / auf den Kanarischen Inseln.

Bei Richtungsangaben wird es komplizierter. Hier muss man zwischen Namen mit Artikel und Namen ohne Artikel unterscheiden:

Wohin?
Ich fahre nach Deutschland / nach Österreich / nach Spanien.
Ich fahre in die Schweiz / in die Türkei / in die Niederlande.
Ich fahre in das schöne Österreich.

Ich fliege nach Sardinien/ nach Kreta.
Ich fahre auf die Mainau / auf die Kanarischen Inseln.
Ich fliege auf das schöne Sardinien.

Bei Herkunftsangaben machen die Grammatiken keine Angaben mehr.  Entsprechend(?) ist die Unterscheidung nicht mehr so streng. Es gilt im Allgmeinen:

Woher?
Ich komme aus Deutschland / aus Österreich / aus Spanien.
Ich komme aus der Schweiz / aus der Türkei / aus den Niederlanden.

Ich komme aus Sardinien / aus Kreta / aus dem schönen Sardinien.**
Ich komme von/(aus) den Antillen / von/(aus) den Kanarischen Inseln.

Die „Grundregel“ ist also schon recht kompliziert. Es halten sich auch lange nicht alle immer daran, und nicht immer sind dies einfach „Leute, die kein Deutsch können“. Wenn eine Insel nämlich als Land oder größere Verwaltungseinheit gesehen wird, können die Präpositionen wie bei Ländern auf dem Festland verwendet werden, ohne dass man gleich von einem Regelverstoß sprechen muss. Es geht dann weniger um die geografische Gestalt als um die politische Verwaltungseinheit. Zum Beispiel:

die Menschenrechtssituation auf Jamaika oder in Jamaika
arbeitslos auf Grönland oder in Grönland

Autofahren auf den Philippinen oder in den Philippinen
von den Philippinen kommen oder aus den Philippinen kommen

Wenn eine Insel ein ganzer Kontinent ist, verschwindet das „Inselgefühl“ sogar ganz. Es heißt immer

in Australien
nach Australien
aus Australien

Ich hätte es gerne einfacher gehalten, aber ganz so eindeutig, wie einige es behaupten, ist die Situation in dieser Inselfrage leider(?) nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Je kleiner und deutscher die Insel, desto stärker offenbar die Tendenz, hier von zu verwenden:

Ich komme von/(aus) Sylt

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