Kakophonie – Pubertäres Grinsen liegt doch nicht ganz daneben

Heute bin ich wieder einmal dem Wort Kakophonie (o. Kakofonie) begegnet. Das schöne bildungssprachliche Wort, das Kindern bis hin zu Spätpubertierenden jeden Alters ein Lachen bzw. Grinsen entlockt, bedeutet Missklang, hässlicher Klang, Dissonanz. Es kommt von griechisch kakos (schlecht, schlimm, böse) und ebenfalls griechisch phon (Ton, Klang). Es gibt eigentlich nichts, worüber man lächeln, lachen oder grinsen könnte, denn mit dem gleich klingenden derben deutschen Wort hat es nichts zu tun. Wirklich?

Der erste Teil kak(o)- kommt auch in anderen schönen Fachwörtern wie Kakogeusie (alle Geschmacksreize als unangenehm empfinden), Kakosmie (Gerüche fälschlich als unangenehm empfinden) und Kakostomie (übler Mundgeruch) vor. Es geht, wie bereits gesagt, auf das griechische Adjektiv kakos (κακός = schlecht, übel, böse) zurück. Die Wortherkunft dieses Adjektivs ist ungeklärt, aber es wird allgemein davon ausgegangen, dass es auf einen Wortstamm kak(k)a mit der Bedeutung den Darm entleeren zurückgeht.

Das kako- in Kakophonie hat also indirekt doch etwas mit Kacke (ich muss das Wort hier doch einmal erwähnen) zu tun. Die Wörter sind „weit hinten“ miteinander verwandt. Die beiden Verwandten gehören aber unterschiedlichen Sprachebenen an. Während im Griechischen κακός zum normalen Sprachgebrauch gehört und man ungeniert von zum Beispiel einer κακή ιδέα (kaki idea) reden kann, ist Kackidee im Deutschen ein derbes Wort, bei dem man sich zweimal überlegen sollte, ob man es wirklich verwenden möchte. Das eingangs erwähnte (spät)pubertäre Grinsen beim Wort Kakophonie ist aber nicht nur klanglich, sondern auch wortgeschichtlich nicht ganz unbegründet.

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Die Walnuss und der Walfisch

Auch diesen Herbst sind zwei Eichhörnchen fleißig damit beschäftigt, auf einer erstaunlich geraden Linie über eine Hecke, einen Felsenbirnenbaum, einen japanischen Ahorn und das Garagendach des einen Nachbarn, Walnüsse vom Walnussbaum des anderen Nachbarn in den Wald zu befördern, wo sie ihre Beute wahrscheinlich irgendwo als Wintervorrat vergraben. Das hat dieses Jahr bei mir nicht nur zu amüsiert-bewunderndem Zuschauen, sondern auch zur folgenden Frage geführt: Woher kommt das Wal- in Walnuss?

Der Name hat mir der Herkunft der Nuss zu tun: Sie ist aus Italien und/oder Frankreich zu uns gelangt und wurde im Unterschied zur einheimischen Haselnuss *walhnut genannt. Ins heutige Deutsch übertragen bedeutet dies welsche Nuss oder Welschnuss. Das Adjektiv welsch wird heute in der Schweizer Alltagssprache noch für aus dem Welschland, das heißt aus der französischen Schweiz Stammende und Stammendes verwendet. Allgemeindeutsch bedeutete es aus dem romanischen Bereich (insbesondere Italien, Frankreich und Spanien) stammend. Ursprünglich ist das Adjektiv eine Ableitung vom Namen eines keltischen Stammes (Volcae/*Walhos). Zuerst wurden damit die Kelten bezeichnet und nach der Eroberung durch die Römer die romanische Bevölkerung Galliens, aber auch die Bewohner Italiens. Der langen Erklärung Höhepunkt: Sprachgeschichtlich ist die Walnuss mit Namen wie Wales, Cornwall, Wallonien und Welschland verwandt.

Hat die Walnuss auch etwas mit dem Wal oder umgangssprachlich auch Walfisch genannten Meeressäugetier zu tun? Höchstwahrscheinlich nicht. Der genaue Ursprung des Wortes Wal ist zwar ungewiss, aber die Erklärungen haben alle etwas mit Fischnamen und nichts mit welsch zu tun. Und auch der Name des Schweizer Kantons Wallis hat eine andere Herkunft. Er liegt zwischen den Bergen und leitet seinen Namen von vallis, dem lateinischen Wort für Tal, ab.

Wenn die Walnuss auch nichts mit dem Walfisch zu tun hat, war ich doch überrascht, dass ihre historische Wortverwandtschaft von Wales über Wallonien bis ins Welschland anzutreffen ist. Den Eichhörnchen wird das allerdings eher egal sein.

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Oheim, Muhme, Vetter und Base

Letzthin bin ich wieder einmal dem alten Wort Oheim begegnet. Ich wusste, dass es ein altes Wort für Onkel ist. Ich vermutete weiter, dass es durch das aus dem Französischen übernommene Onkel verdrängt worden ist. Das stimmt zwar alles, aber es gibt noch mehr Interessantes für Wortliebhaber. Wie wurden zum Beispiel Tanten genannt, bevor sie wie die Onkel eine französische Bezeichnung erhielten?

Der Oheim war ursprünglich nicht einfach jede Art von Onkel, sondern der Mutterbruder, also der Bruder der Mutter. Die weibliche Entsprechung, die Mutterschwester, war die Muhme. Väterlicherseits wurde die Vatersschwester Base und der Vatersbruder Vetter genannt.

Oheim = Mutterbruder
Muhme = Mutterschwester
Vetter = Vatersbruder
Base = Vatersschwester

Sie wundern sich vielleicht, weil Vettern und Basen im heutige Sprachgebrauch nicht mehr Vatersbrüder und Vatersschwestern sind, sondern u. a. deren Kinder. So einfach, wie ich es hier darstelle, war die Lage sowieso nicht. Je nach Zeit und Region konnten Oheim und Vetter fast jeden männlichen Verwandten und Muhme und Base fast jede weibliche Verwandte bezeichnen.

Um 1700 kamen dann die französischen Bezeichnungen Oncle, später Onkel, und Tante auf, und zwar für Brüder und Schwestern sowohl des Vaters als auch der Mutter – ja sogar deren Gattinnen und Gatten werden nun (angeheiratete) Onkel und Tanten genannt. Die in dieser Weise „frei“ gewordenen Bezeichnungen Oheim und Muhme wurden zu veralteten, scherzhaften Bezeichnungen. Vetter und Base erhielten neu oder verstärkt eine andere Rolle: Sohn bzw. Tochter von Onkel oder Tante. Aber auch Vetter und noch stärker Base sind später fast ganz französischer Konkurrenz erlegen: Cousin und Cousine.

Während wir früher Oheime, Muhmen, Vettern und Basen hatten, die je nach Zeit und Ort auch noch ganz unterschiedlich mit uns verwandt sein konnten, hat der Wortimport aus dem Französischen mit Onkel, Tante, Cousin und Cousine klarere Verhältnisse geschaffen.

Obwohl – ganz so klar ist es nun auch wieder nicht. Wenn man es sich genau überlegt, kann Tante vier verschiedene Verwandtschaftsverhältnisse bezeichnen: Schwester der Mutter, Schwester des Vaters, Schwägerin der Mutter oder Schwägerin des Vaters. Auch bei der Cousine ist nicht klar, ob sie nun die Tochter des Vatersbruders, der Vatersschwester, des Mutterbruders oder der Mutterschwester ist. Ganz so eindeutig sind die Bezeichnungen also nicht, aber es ist wahrscheinlich gut so. Wer will sich schon bei der Angabe seiner Verwandten immer mit Bezeichnungen wie Vatersbruder, Mann der Mutterschwester, Mutterschwestertochter oder Vatersbrudersohn herumschlagen? Verwandtschaftsverhältnisse können auch ohne solche komplizierten Bezeichnungen kompliziert genug sein.

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Wenn der Vorteil ein Nachteil ist: übervorteilen

Frage

Schon seit Längerem beschäftigt mich die Frage nach der Bedeutungsherkunft des Verbes „übervorteilen“. Zunächst scheint seine Bedeutung kontraintuitiv: Übervorteilen klingt danach, als bekomme man zu viel des Vorteils. Nach einer Benachteiligung klingt es gerade nicht.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

die Bedeutung jemanden benachteiligen, betrügen des Verbs übervorteilen ergibt sich tatsächlich nicht spontan aus seiner Form. Es klingt, wie Sie richtig sagen, eher nach einem Übermaß an Vorteil als nach einer Benachteiligung. Das liegt daran, dass dieses Verb zu einer Zeit entstanden ist, in der Vorteil auch etwas Negatives sein konnte. Eine der vielen Bedeutungen, die Vorteil hatte, war gemäß dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm:

[…] im engeren sinne bezeichnet es unredlichen gewinn, lug und trug im erwerbsleben: irs geytz, wuchers und allen vorteyl und finantzerey  (Luther); beschisz, vorteil, betrug (Zwingli); so von zinsen und wucher leben in allerley vorteil und buberey (Eberlin v. Günzburg) […]

Grimm, Vorteil, Bedeutung 7)

Auch die heute nicht mehr gebräuchliche Ableitung vorteilisch war alles andere als positiv: 

wer vortailisch ist, prauchet vil tüeck und hinderlist
(Wer „vorteilisch“ ist, braucht viel Tücke und Hinterlist)

Grimm, vorteilisch

Nun kommen wir zum Verb bevorteilen, das hier die größte Überraschung für mich war: Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte es nämlich nicht die heutige positive Bedeutung. Nach dem grimmschen Wörterbuch bedeutete es noch Ende des 19. Jahrhunderts beeinträchtigen, betrügen:

dies wort ist kein gegensatz von benachtheiligen und drückt nicht aus einen in vortheil bringen, sondern das umgedrehte.

Grimm, bevortheilen

Das Verb bevorteilen wurde demnach nicht vom positiven Vorteil , sondern von Vorteil mit der Bedeutung unredlicher Gewinn, Lug und Trug  abgeleitet. Es wurde also in gleicher/ähnlicher Weise wie betrügen (von Trug) und benachteiligen (von Nachteil) gebildet. Später wurde es zu seinem Gegenteil umgedeutet, sehr wahrscheinlich weil wir heute Vorteil nur noch im positiven Sinne kennen. Wenn man heute bevorteilt wird, wird man begünstigt.

Und hiermit sind wir endlich bei übervorteilen. Auch dieses Verb wurde wahrscheinlich wie bevorteilen vom negativ beladenen Vorteil abgeleitet. Es bedeutete ungefähr jemanden mit Lug und Trug überwinden, überlisten und wurde somit wie sein Bedeutungsnachbar überlisten (von List) gebildet.

Leicht bis mittelschwer dramatisierend könnte man also sagen, dass das Wort Vorteil im Laufe seiner Geschichte auch eine negative Bedeutung erhalten hatte, die später wieder verlorenging. Nur im Verb übervorteilen hat Vorteil im Sinne von Lug und Trug, unredlicher Gewinn noch seine Spuren hinterlassen. 

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp 

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Voll der Gnaden, Friede auf Erden und der Welten Lohn

Auch wenn der Titel es vielleicht nahelegt, geht es nicht um theologische Fragen. Es geht nur ganz weltlich darum, ob Gnaden, Frieden und Welten hier im Plural oder im Singular stehen.

Frage

Meine Frage betrifft die Formulierung „voll der Gnaden“, wie man sie in älteren Übersetzungen des Ave Maria findet (wohingegen heute meist „voll der Gnade“ verwendet wird). Meine Frage ist, was für eine Form „der Gnaden“ hier genau ist. Nach „voll“ steht ja bekanntlich Genitiv, also bleibt eigentlich nur die Frage nach dem Numerus. Nach moderner Morphologie wäre „der Gnaden“ eindeutig Plural, aber die Verwendung von „Gnade“ im Plural scheint mir sehr unüblich und im Lateinischen steht ja auch „gratia plena“ und nicht „gratiis plena“. […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

bei der Form Gnaden in älteren Texten und Wendungen ist es oft schwierig, zu entscheiden, ob es sich um eine Pluralform oder eine Singularform handelt. Einerseits wurde und wird das deutsche Gnade häufiger im Plural verwendet als das lateinische gratia. Andererseits wechselte Gnade zum Teil zur schwachen Deklination, das heißt, die Form Gnaden wurde auch als Singularform verwendet. Es ist deshalb schwierig, zu beurteilen, ob es sich bei Gnaden in voll der Gnaden um einen Plural oder einen Singular handelte. Im heutigen Deutschen kann es nur noch eine Pluralform sein, was die neueren Übersetzungen von gratia plena mit voll der Gnade erklärt. Mehr dazu lesen Sie zum Beispiel im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Eintrag Gnade, Punkt 5) und 6).

Gnade ist nicht das einzige weibliche Substantiv, dass auch im Singular mit schwachen Endungen verwendet wurde. Solche Formen haben noch in einigen Wendungen, Gedichten, Gebeten usw. „überlebt“:

von Gotten Gnaden
Friede auf Erden
dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden
auf Seiten der Gegenpartei
von Seiten der Klägerin
Undank ist der Welten Lohn

So viel von Seiten des Blogautors zur Formulierung voll der Gnaden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Digital und mit dem Finger

Bei uns zu Hause steht noch so etwas wie eine Musikanlage. Sie ist so neu, dass man sie, ohne aufstehen zu müssen, mit Hilfe einer App auf dem schlauen Telefon bedienen kann. Sie ist aber alt genug, dass man sie auch mit Hilfe des Fingers ein- und ausschalten oder zum Beispiel die Lautstärke regeln kann, vorausgesetzt dass man sich zu ihr hinbemüht. Die erste Art der Bedienung nennen wir hier zu Hause „digital“, die zweite wegen der Druckknöpfe „mit dem Finger“. Dabei ist mir erst gestern aufgefallen, dass dieser Gegensatz etwas Absurdes hat.

Das Wort digital kommt vom englischen Adjektiv digital, das wiederum von digit (Zahl von 0 bis 9, [zum Zählen benutzter] Finger) abgeleitet ist. Dieses digital geht somit auf lateinisch digitus = Finger zurück. Daneben gibt es auch in der Medizin das Adjektiv digital, das ohne Umweg über das Englische von lateinisch digitalis resp. digitus kommt. Seine Bedeutung: mit dem Finger (digitale Palpation = mit dem Finger abtasten).

Unser häuslicher Gegensatz digital bedienen ↔ mit dem Finger bedienen zeigt, dass sich dieses Adjektiv digital über verschiedene Stufen des Bedeutungswandels sozusagen in sein Gegenteil verwandelt hat. Und trotzdem verstehen wir problemlos, was gemeint ist.

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Die poetische Note am Verschollensein

Frage

Wir zerbrechen uns seit einigen Tagen den Kopf über das Wort „verschollen“. Von welchem Wort leitet es sich ab? Gibt es nur diese eine Zeitform bei diesem Wort? Was ist der Infinitiv dieses Wortes? Kann etwas nur verschollen sein oder auch gerade dabei sein zu verschellen/verschallen/…. ?

Antwort

Guten Tag Herr H. und Herr B.,

das Adjektiv verschollen kommt tatsächlich von einem Verb, nämlich von verschallen. Es ist eine alte Perfektform – heute heißt es ja verschallen, verschallte/verscholl, verschallt –, die sich vom Verb gelöst und im 19. Jahrhundert die Bedeutung seit längerer Zeit mit unbekanntem Aufenthaltsort abwesend, unauffindbar erhalten hat. Man geht davon aus, dass die heutige Verwendung von verschollen, das ja eigentlich verklungen, verhallt bedeutete, als euphemistischer (beschönigender, verhüllender) Ausdruck für verschwunden, für Tot gehalten entstanden ist. Der, die oder das Verschollene ist also, poetisch ausgedrückt, verhallt und verklungen.

Das mag so besehen schön und dichterisch klingen, diese poetische Note ist aber leider ohne jeden Belang, wenn jemand konkret mit einer verschollenen Person oder Sache konfrontiert ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Über Uhr und Stunde

Frage

Woher kommt bitte der Ausdruck „Uhr“ als Zeitangabe (z. B. „Es ist ein Uhr“)? Handelt es sich um eine Abkürzung? Denn „Uhr“ mit Großbuchstaben ist nach wie vor Substantiv, aber als Zeitangabe im Gegensatz zum Ding „die Uhr“ ist die Zeitangabe ja unveränderlich und ohne Pluralform. Wie sind die Zusammenhänge, vielleicht von „Es ist eins an der Uhr“ […] zu „Es ist ein Uhr“?

Antwort

Guten Tag Frau T.,

Sie stellen eine berechtigte Frage: Warum verwenden wir das Wort Uhr bei der Angabe der Stunde des Tages? Wenn wir beim Ursprung (dieses Wort konnte ich mir hier einfach nicht verkneifen) von Uhr anfangen, wird die Sache nicht auf Anhieb deutlicher. Es zeigt sich dann nämlich, dass man die Frage eigentlich umgekehrt formulieren muss: Weshalb verwenden wir Uhr für ein Zeitmessgerät?

Das Wort Uhr kam vom griechischen ὥρα über das lateinischen hora zu uns und bedeutete wie dieses Stunde (vgl. eng. hour, frz. heure, ital. ora, span. u. port. hora, nld. uur). Uhr wurde für Zeitangaben verwendet und dabei häufig auch gebeugt (eine Uhr, zwei Uhren). Im Laufe der Zeit war in Zeitangaben nur noch die ungebeugte Singularform Uhr gebräuchlich (ein Uhr, zwei Uhr). Dann verschiebt sich die Bedeutung vom Gemessenen auf das Messende, das heißt, seit dem 15. Jahrhundert wird Uhr auch für Stundenmesser und Uhrwerk verwendet. Im heutigen Deutschen ist Uhr mit der ursprünglichen Bedeutung Stunde nur in Zeitangaben bewahrt geblieben.

Für den Begriff Stunde gab es nämlich auch schon ein Wort: stunta bedeutete schon im Althochdeutschen Stunde, Zeit, Zeitpunkt. Man nimmt an, dass es eine Ableitung des Stamms stand (zu stehen) ist. Ursprünglich soll es stehender Punkt, Haltepunkt im Zeitverlauf bedeutet haben, später festgesetzte Zeit, bestimmter Zeitraum. Seit etwa dem 15. Jahrhundert bezeichnet Stunde wie heute den auf der Uhr markierten Zeitabschnitt des 24-stündigen Tages.

Etwas gar grob zusammengefasst haben sich Uhr und Stunde im gleichen Bedeutungsfeld bewegt, bis ab etwa dem 15. Jahrhundert jedes Wort seine eigene Aufgabe erhielt. Bei der Zeitangabe Uhr für die Stunde des Tages kommen sie einander auch heute noch sehr nahe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

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Maharadscha, Maharani, mega, Michelsdorf und Mecklenburg

Vor ein paar Tagen bin ich in der Sommerflaute wieder einmal über einen alten Filmklassiker gestolpert: Der Tiger von Eschnapur von Fritz Lang aus dem Jahr 1958. Es geht dabei um eine etwas komplizierte Abenteuer- und Liebesgeschichte, in der ein blutrünstiger Tiger, ein tapferer deutscher Ingenieur, eine bildschöne indische Tempeltänzerin, die durch Heirat mit dem Maharadscha zur Maharani wird, sowie zünftige Portionen Liebe, Heldenmut, Eifersucht und Hinterhältigkeit eine Rolle spielen. Wenn Sie melodramatisches Drama und Abenteuer mögen, sicher empfehlenswert.

Mir geht es hier aber mehr um die schönen Wörter Maharani und Maharadscha, deren Herkunft ich kurz nachgeschlagen habe (solche Dinge tun Sprachler bei Hitze und Sommerflaute …). Die beiden Wörter kommen aus dem Hindi, der Sprache, die vor allem in Nordindien gesprochen wird und offizielle Amtssprache Indiens ist. Die Wörter setzen sich aus zwei Teilen zusammen, nämlich

mahā = groß
rājā = König, Fürst; rānī = Königin, Fürstin

Ein Maharadscha ist also ein großer Fürst und hat entsprechend einen höheren Rang als ein Radscha.

Interessant finde ich, dass diese Wörter zeigen, dass es trotz beträchtlicher Distanz eine Verwandtschaft zwischen den indischen und den europäischen Sprachen gibt, die zusammen die indoeuropäische Sprachfamilie bilden:

rājā und rānī sind mit rex (lat. für König), regieren und über zwei Ecken mehr auch mit reich/rich/riche/rico/ricco verwandt;

mahā ist mit griechisch mega und mit dem alten germanischen Wort mikil = groß verwandt. „Überlebt“ hat mikil noch in Ortsnamen wie Michelsdorf und Mecklenburg.

Nun sollte auch klar sein, was die Wörter im Titel miteinander zu tun haben. Sie sind miteinaner verwandt: groß. Den krampfhaften Versuch, sie alle vier in einem eleganten und humoristischen Schlusssatz zusammenzubringen, erspare ich Ihnen heute.

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Wählen und wollen

Dieses Wochenende geht Deutschland zur Wahl. Deutschlands Bürgerinnen und Bürger haben dieses Wochenende die Möglichkeit, ihr Wahlrecht bei den Wahlen zum Bundestag auszuüben. Von diesem einmal hart erkämpfte Recht sollten meiner Meinung nach alle Gebrauch machen. Doch meine Meinung hierzu hat natürlich nichts mit Sprache, dem Thema dieses Blogs, zu tun.

Was hingegen mit Sprache oder besser Sprachgeschichte zu tun hat, ist die Herkunft des Wortes wählen (und des dazugehörende Substantivs Wahl). Wer nun eine spannende Geschichte erwartet, wird enttäuscht sein. Im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen von Wolfgang Pfeifer steht:

wählen Vb. ‘(unter mehreren Möglichkeiten) aussuchen, nach eigenem Ermessen bestimmen’, ahd. wellen (8. Jh.), mhd. weln, wel(l)en […] ist zu der unter wollen (s. d.) angegebenen Wurzel ie. *u̯el- ‘wollen, wählen’ gebildet. Ahd. wellen (aus germ. *waljan) tritt auch als Infinitiv in das Paradigma des unter wollen behandelten Verbs ein.
(Zitiert nach DWDS)

Kurz zusammengefasst: wählen ist sprachgeschichtlich eng mit wollen verwandt.

Wer wählt, gibt an was er/sie will. Wenn Sie zur Wahl gehen, geben Sie mit Ihrer Stimme an, was Sie wollen. Sie geben mit Ihrer Stimme also nicht an, was Sie nicht wollen. Dessen sollten Sie sich bewusst sein, wenn Sie Ihre Stimme einer Partei geben.

Man verzeihe mir bitte diese außersprachliche Abschweifung.

Dr. Bopp

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